Gedenken in Niederzissen

„Hier hat das Gute das Böse besiegt“

Richard Keuler erinnerte beim Festakt an die jüdische Gemeinde in Niederzissen.

Richard Keuler erinnerte beim Festakt an die jüdische Gemeinde in Niederzissen.

NIEDERZISSEN. Der 175. Geburtstag der Niederzissener Synagoge wurde mit einem großem Festakt begangen. In den vergangenen sieben Jahren wurde das Gebäude verstärkt zum Ort der Erinnerung und Kultur.

Mit Gästen selbst aus dem fernen Ausland hat der Kultur- und Heimatverein unter Leitung seines Vorsitzenden Richard Keuler den 175. Einweihungstag der ehemaligen Synagoge in Niederzissen begangen. Zahlreiche Grußworte und Ansprachen lobten die in den letzten sieben Jahren geleistete Arbeit und betonten, wie wichtig das Zeugnis der Synagoge als Ort der Erinnerung und Kultur in der heutigen Zeit ist. Schlussendlich spielte auch das Wetter mit, um einen besonderen Nachmittag zu ermöglichen.

„Wenn diese Steine reden könnten, könnten sie viel berichten“, hob Bürgermeister Johannes Bell in seinem Grußwort an und verschwieg nicht, dass es nicht nur fröhliche Geschichten wären. Ähnlich wie auch die anderen Redner betonte er, dass es bei dem ehemaligen Gotteshaus um mehr gehe, als um bloße Erinnerungskultur. Gerade in der heutigen Zeit sei ein Engagement für Frieden, Freiheit und Demokratie nötiger als je zuvor.

"Hohe symbolische Bedeutung"

Staatssekretärin Heike Raab erklärte, Projekten wie in Niederzissen komme dabei eine „hohe symbolische Bedeutung“ zu. Rheinland-Pfalz engagiere sich seit Jahren dafür, die Zeugnisse jüdischen Lebens und der nahezu tausend Jahre alten jüdischen Kultur wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen. „In Niederzissen präsentiert sich in dem kleinen Museum der ehemaligen Synagoge eine jüdische Landgemeinde, die aufgrund des glücklichen Überdauerns der Geniza mit Torarollen und rituellen Gegenständen in ungewöhnlich gutem Erhaltungszustand inzwischen weltweit bekannt ist“, so Raab.

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, lobte besonders die Aktualität des angegliederten Museums. Das jüdische Leben habe schließlich in Deutschland nicht mit 1945 geendet. „Ich habe Respekt für Ihren Mut, Respekt für Ihre Leistung“, sagte er in Richtung eines sichtlich stolzen Keulers.

Dieser stellte nebst seinem Kollegen aus dem „Förderverein ehemalige Synagoge“ Norbert Wagner die vergangenen und zukünftigen Projekte vor. So wird Mitte 2017 das Buch von Brunhilde Stürmer erscheinen, dass die Geschichte und Erinnerungen der letzten 100 jüdischen Mitbürger beinhaltet.

Nachfahren aus vielen verschiedenen Ländern

Ergreifender Höhepunkt war die Rede von Albert Asher Friesem, der stellvertretend für die Nachfahren sprach, die aus Mexiko, Südafrika, den Niederlanden und Israel zum Festakt gekommen waren. Zunächst hätten sie an diesen Ort der schmerzlichen Erinnerung nicht zurückkehren wollen, schließlich habe sie jedoch die rechtschaffene Arbeit am Frieden überzeugt, welche mit der ehemaligen Synagoge ein sichtbares Zeichen erhalten hat. Sie seien gekommen, „weil hier das Gute das Böse besiegt hat“. Musikalisch wurde der Nachmittag von den Schülern der Musikschule im Kreis Ahrweiler, Linnea und Merle Biesel, nebst ihrer Lehrerin Hella Wallbaum an Saxofonen gestaltet. Mit klassischen Stücken sorgten sie für Ruhepole zwischen den Reden, in denen sich die Besucher an der inneren Schönheit des Gotteshauses sattsehen konnten.

Die Stücke der jugendlichen Gesangsgruppe „Big Bengel“ blieben nicht ohne Widerhall im Auditorium. Wann immer sie konnten, sangen die Leute bei „Kol Ha’olam“ oder „Schalom chaverim“ mit – letzteres sogar im Kanon. Pünktlich zum Ende des Festaktes brach dann auch Sonnenschein durch die dicken Regenwolken und in gemütlicher Runde wurde noch bis spät in den Abend gedacht, aber auch gefeiert.