Dialekt in Wehr

„Frauleut hänn hei neuß velor“

Den Sonderpreis „Musik“ heimsten „A Capella Oh Weh“ aus Oberwinter ein. FOTO: GAUSMANN

Den Sonderpreis „Musik“ heimsten „A Capella Oh Weh“ aus Oberwinter ein. FOTO: GAUSMANN

WEHR. Jutta Bell aus Kempenich siegte beim KSK-Mundartwettbewerb in der Römerhalle Wehr.

Ist es klug einen der erwartungsgemäß schönsten Beiträge gleich am Anfang zu bringen? Mit Rücksicht auf die Jüngsten war dies beim Abschlussabend des vierten Mundartwettbewerbs der Sparkassenstiftung „Zukunft Kreis Ahrweiler“ und eines Verlagshause geboten: Begrüßt von KSK-Vorstandschef Dieter Zimmermann, wogte die Römerhalle in Wehr vor Begeisterung, als die Kleinen des Hönninger Kindergartens „Wibbelstätz“, ausstaffiert wie anno dazumal, über die Bühne wirbelten. Zu jeder Strophe eines alten Singspiels – etwa, „wenn de Vatte mot de Motte op de Kirmes jeht, eija, asu“ – kam ein Pärchen Arm in Arm, um bei „fideri, fidera, fiderallalla“ an den anderen Kindern vorbeizutanzen. Darauf flogen die Sympathien der ebenso mit Sonderpreis bedachten Maria Hilgert aus Burgbrohl-Weiler zu. „Ich bin ja su enn Ahle, die verzelle kann von Fröher on heut“, nahm die 96-Jährige einen Handy-Dialog im Bus aufs Korn, wo alle mithörten, wie eine Frau den Gemahl, „die ahl Schleifbotz“, bei der Kleidersuche dirigierte. Die älteren Mitfahrer, vermutete diese, „john seche wallfahre heut“. Doch Hilgert berichtigte: „Mir fahre zum Ahweile Weinfest.“

Eindrücklich belegten Kinder wie Seniorin, wie wertvoll die „generationenübergreifende Weitergabe unseres Kulturgutes“ ist, die Zimmermann als Wettbewerbsziel auswies.

Die Spannung stieg mit den Finalisten, die die Jury (Hildegard Ginzler, Leonhard Janta, Karl-Heinz Kurth, Gisbert Stenz, Karl-Heinz Sundheimer, Udo Stratmann, Gerd Schultes und Helmut Schwarz) aus mehr als 40 Beiträgen ermittelt hatte. Willi Fuhrmann war erkrankt. So begann der Altenahrer Helmut Schick mit der Romanze zwischen Mättes, Sohn des Burgherrn Theoderich von Are, und einem Küchenmädchen. Aus dem Neuenahrer Sagenfach zog der wohl artikulierende Heinz-Jürgen Jansen (Grafschaft) den goldenen Pflug, während ein Brummbär vom Speicher bei der Weiberner Ingeborg Westermeier Kindheitserinnerungen weckte.

Fielen die besinnlich aus, geriet der Rückblick Jutta Bells aus Kempenich – jedoch „aus ahlem Weiwerner Adel“ stammend – stellenweise markig, wie das Leben damals, das „ähnfach, strackfott on rau on bluß“ war. Klein-Jutta beneidete die Jungen um ihre Abenteuer und schnitt Fratzen, wenn sie groß tönten, „Frauleut hänn hei neuß velor“. Heiterkeit provozierte Irene Thöing aus Heimersheim mit „Krätzje von menge Oma“, die ungeniert ihre dritten Zähne bei den Nachbarn suchte oder gefundene Taschentücher kochte, bis von einem schneeweißen nichts übrigblieb. Soviel zu Omas „ieschte Bekanntschaft met enem Tempodoch“. Robert Hoß (Bad Breisig) punktete mit trockenem Humor. Aus seinem Mund klang die Herbergssuche von Marie und „Zemmermanns Jupp“ in Bethlehem sehr menschlich und rheinisch anverwandelt: „Et Marie klach schwer üwwer Röckepein. Die Jeschäfte woren zo, me konnt nix mie koofe on der Jupp hätt sech och noch en Wollef jeloofe“. Die aktuell grassierende Verwendung von Basalt als Zaun, Grabstreu und Vorgartenersatz, geißelte Lothar Pötschke aus Ahrweiler, der fragte „Jötzenverehrung oder ansteckende Krankheit?“

Dass sich die Stunden vergnüglich entwickelten, dazu trug auch die Musik bei. Die Mundartgruppe „Streuobst“ begleitete durch den Abend, und mit Moderator Gisbert Stenz stimmte der ganze Saal ein in „Wat Jong on Ahle vezälle“, sein eigens komponiertes Mottolied, das in Wehr die Uraufführung erlebte. Außerdem konkurrierten zwei Wettbewerbsteilnehmer in der Sondergruppe Musik. Elisabeth Kump und ihre Harscheider Gesangstruppe belegten mit „Et kütt üs Doun“ den zweiten Platz, während das sechsköpfige Ensemble „A Capella Oh Weh“ aus Oberwinter bejubelte Spitze war. Für die Gäste lag eine Sammelschrift mit allen Beiträgen bereit. Bevor sie sich aber auf den Heimweg machten, vernahmen sie gespannt die Bewertung: Jutta Bell holte den ersten, Irene Thöing den zweiten und Robert Hoß nahm den dritten Preis entgegen. (GA)