Funde auf der Grafschaft

Sensation im Acker: Römische Grabsteine und Mammutzähne

GRAFSCHAFT. Nicht nur die Ahrweiler Römervilla wurde zufällig beim Bau der Umgehungsstraße der Kreisstadt entdeckt, auch auf der Grafschaft finden sich immer wieder Zeugnisse römischer Besiedlung von Bedeutung.

So geschehen auf einem Feld bei Beller, wo Landwirt Hermann Müllenbruck erst einmal fluchte, als er beim Pflügen zum wiederholten Mal an einem riesigen Stein hängen blieb und sein Arbeitsgerät dadurch beschädigt wurde.

Was der Bauer im Boden findet, ist für ihn durchaus manchmal ein Ärgernis, aber für andere eine Sensation. Die war aber noch nicht zu erkennen, als Müllenbruck im Herbst 2004 einen befreundeten Baggerfahrer bat, den Steinklotz aus dem Boden zu entfernen und auf seinen Hof zu schaffen, um weiteres Unheil zu verhindern. Seine Frau Agnes machte der Fund neugierig. Sie rückte dem Stein mit Wasser und Wurzelbürste zu Leibe und entdeckte unter einer dicken Erdschicht ein kunstvoll in den Stein geschlagenes Relief.

Der daraufhin herbeigeholte, im Kreis Ahrweiler bekannte Freizeit-Archäologe Andreas Schmickler erkannte sofort die Bedeutung des Steins. Cliff Jost und Hubertus Ritzdorf als Experten vom Koblenzer Landesamt für Denkmalpflege und Ottmar Prothmann vom Stadtarchiv Bonn bestätigten zudem die Außergewöhnlichkeit des Funds wegen seines guten Zustands und seines Alters.

"Die bei Beller gefundene Grabstele ist unter den bekannten Grabdenkmälern eine wichtige Neuentdeckung", sagt Prothmann. Der Oevericher erklärt, dass sie bis heute die älteste Darstellung von Bewohnern der Grafschaft ist und als frühester Nachweis römischer Besiedlung in der Gegend gilt. Vergleichbar sei im Kreis Ahrweiler nur der Fund eines 1,81 Meter hohen Grabsteins für einen römischen Soldaten, der um 1900 bei Erdarbeiten zur Erweiterung der Remagener Pfarrkirche entdeckt wurde und mittlerweile dort im Römischen Museum steht.

Die Stele von Bauer Müllenbruck ist 1,28 Meter hoch, 96 Zentimeter breit und 33 Zentimeter dick und stammt aus der Zeit um 50 nach Christus. Auf dem Kalkstein, der aus der Gegend bei Metz in Frankreich stammt, sind in zwei übereinanderliegenden halbrunden Nischen jeweils zwei Personen als Halbfiguren dargestellt.

Die drei Frauen sind jeweils mit einer Tunika bekleidet und tragen um den Hals eine Kette mit einem Medaillon. Zwei von ihnen tragen Hauben. Der Mann trägt Tunika und Toga. Vermutlich handelt es sich um einen Mann mit seiner ersten und zweiten Ehefrau und seiner jungen, unverheirateten Tochter oder aber auch mit zwei verheirateten und einer unverheirateten Tochter.

Die Fachleute glauben, dass es keine Römer, sondern Einheimische waren, die das römische Bürgerrecht besaßen. Die Gesichter der Figuren sind indes beschädigt, und eine Inschrift fehlte an dem Stein. Vermutlich stand sie auf einem weiteren Stein, der zu der Stele gehörte, der aber trotz Nachuntersuchungen nicht gefunden wurde.

Die Stele wurde laut Schmickler erst im Jahr 2004 gefunden, weil das Feld vorher eine Obstplantage war, auf der nicht gepflügt wurde und neuerdings mit moderneren Maschinen tieferes Pflügen als früher möglich ist. Schon einige Jahre vorher sei eine römische Siedlungsstelle bei Beller bekannt gewesen.

Dort und anderswo auf der Grafschaft sind der Kirchdauner Schmickler und der Oevericher Prothmann auch immer noch manchmal unterwegs, um Zeugnisse zu suchen. Lange schon erforschen sie die Vor- und Frühgeschichte der Grafschaft. Auf der Suche nach Spuren alter Siedlungsstellen laufen sie im Herbst und Winter systematisch über unbestellte Felder. "Die Zeit eilt schließlich", sagen sie.

Denn durch den starken Flächenverbrauch auf der Grafschaft und dem damit zusammenhängenden Ausbau der Infrastruktur, vor allem aber durch die Ackerbelastung der modernen Landwirtschaft, verschwinden die Spuren, erklärt Schmickler. Durch das Anlegen von Drainagen und die Lockerung des Bodens bis zu einer Tiefe von 80 Zentimetern seien auf der Grafschaft die Bodendenkmäler weitgehend zerstört.

"Meist sind es rote römische Dachziegelreste, auf die wir stoßen und die uns somit eindeutig eine römische Siedlungsstelle anzeigen", beschreibt Schmickler. Auch Teile von Mühlsteinen aus Mayener Basalt finden sie häufiger. Vorgeschichtliche Keramik hingegen sei nicht sehr hart und zerbrösele schnell, wenn sie an die Oberfläche komme oder dem Ackerbau ausgesetzt sei.

Noch seltener seien Hinweise auf Feuersteinwerkzeuge aus der Steinzeit, weil auch für geübte Sucher schlecht zu sehen. Ein Tüllenbeil aus der Eisenzeit auf einem Feld bei Vettelhoven bezeichnen Schmickler und Prothmann als einen ihrer ungewöhnlichsten Funde.

Eigene Luftaufnahmen helfen Schmickler bei seinen Forschungen. Aus der Luft hat der Motorsegler vor rund zehn Jahren auch die Grundrisse einer römischen Villa bei Beller gesichtet. Zwischen dem jungen Grün auf einem gerade sprießenden Getreidefeld hätten sich damals durch kahlere Stellen der Verlauf von Mauern eines etwa 35 mal 50 Meter großen Komplexes unter dem Erdreich abgezeichnet. Das Landesamt für Denkmalpflege wusste ebenfalls von der Anlage aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert nach Christus.

Ausgegraben wurde sie jedoch nicht, weil bis zum fünften Jahrhundert die gesamte Landschaft links des Rheins dicht besiedelt war und jede Fläche, die sich eignete, bebaut oder landwirtschaftlich genutzt worden sei, wie es damals aus dem Landesamt hieß. Deshalb könne man auch nicht alle entsprechenden Reste freilegen. Außerdem sei die Villa in Bengen nicht gefährdet. Die Römervilla am Ahrweiler Silberberg allerdings wäre zerstört worden, wenn sie nicht gesichert worden wäre.

Beim Pfeilerbau für die Autobahnbrücke der A61 sind zudem Anfang der 1970er Jahre bei Bengen unter anderem römische Ziegel, Töpfe mit Tiermotiven und Scherben von Keramikgeschirr ans Tageslicht befördert worden, die dann ins nicht öffentlich zugängliche Archiv des Landesamts in der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein kamen.

Einige Funde vom Bau der Bengener Talbrücke sind auch im Bengener Heimat-Museum von Norbert Hoffzimmer zu sehen, das außerdem auf weitere archäologische Funde in der Region verweist. Ältestes Ausstellungsstück dort ist ein 12.000 Jahre alter Stoßzahn eines weiblichen Mammuts, der 2006 ebenfalls bei Bengen in einem Acker gefunden wurde.

Auch Spaziergänger in der Grafschaft stoßen manchmal auf Scherben oder Münzen. Prothmann: "Wertvoll sind diese sicher nicht, aber uns helfen sie bei der Datierung einer Trümmerstätte."