Initiative "Tierwohl"

Mehr Platz, mehr Licht, mehr Kosten

GRAFSCHAFT. In Marc Gasbers neu gebautem Stall stehen 1462 Stück Borstenvieh. Trotzdem hatte der Grafschafter Landwirt kein Schwein. Genauer gesagt: ziemliches Pech. Denn mangelndes Losglück hat dazu geführt, dass sein Familienbetrieb in den kommenden drei Jahren wohl rund 100.000 Euro weniger Gewinn erwirtschaften wird.

Diese Summe sollte Gasber von der Bonner Initiative "Tierwohl" erhalten, einem branchenübergreifenden Bündnis aus Lebensmitteleinzelhandel, Fleischwirtschaft und Landwirtschaft. 85 Millionen Euro haben vor allem die großen Supermarktketten von Edeka über Rewe bis zu Aldi und Lidl zusammengetragen, um Landwirte zu unterstützen, die ihren Tieren mehr als die gesetzlichen Mindeststandards bei der Haltung bieten wollten.

Doch offenbar hat die Branche das Engagement der Schweinehalter unterschätzt. Das Geld reicht nicht. Von 4653 angemeldeten Landwirten hat nur etwa jeder zweite die Chance, sich mehr Tierwohl honorieren zu lassen. Dabei entschied das Los. "Wir freuen uns sehr über das große Interesse der Schweinemäster", sagt Tierwohl-Sprecherin Silke Doering, "aber dass es so viele Anträge gibt, war vorher nicht absehbar."

"Ich war schon erst einmal sehr enttäuscht", sagt Agraringenieur Gasber. Schließlich hat er seinen Stall-Neubau, in den erst Ende Februar die ersten Schweine ihre Klauen setzten, nach neuesten Erkenntnissen geplant. Der Bauernhof im Dorf Esch ist kein Streichelzoo. Eine Wiese betreten die Schweine nie in ihrem Leben, und wenn sie ihr Zielgewicht von 119 Kilogramm erreicht haben, geht es zum Schlachthof. Doch bis dahin sollen sie gesund und munter sein.

Dass Gasbers Schweine fit bleiben, überwacht das geschulte Auge des Landwirts, aber auch jede Menge High-Tech hilft bei der Kontrolle. Ständig trägt der 36-Jährige einen Knopf im Ohr. Droht den Tieren im Stall Unheil, informiert das Computersystem Gasber per Handy-Anruf oder SMS: Schlechte Luft, zu wenig Futter, die Tränke ist kaputt - Tag und Nacht meldet sich der automatische Stallknecht. Auch die Fütterung der Tiere läuft vollautomatisch. Die Schweine laufen zu ihren Trögen durch eine Schleuse. Von oben erfasst eine Kamera den Körperumfang und leitet Schweinchen Dick zu der Tür mit dem kalorienärmeren Futter, für den mageren Artgenossen öffnet sich die Tür zum fetten Trog. "Als Bauer muss ich mich darum nicht mehr kümmern und habe daher mehr Zeit, den Zustand der Tiere zu kontrollieren", sagt Gasber.

Mit Gummistiefeln und Schutzanzug gegen feuchte Schweineschnauzen kämpft er sich durch das rosa Rudel der "Großgruppe" von 360 Tieren. Ein Quadratmeter steht jedem Schwein zur Verfügung. "Gesetzlich vorgeschrieben sind nur 0,75 Quadratmeter", sagt Gasber. Die Tiere drängen sich um ihn, zupfen an Hose und Schuhen. "Schweine müssen herumlaufen", sagt der Landwirt, "sonst werden sie krank." Rund 100 Tage bleibt ein Mastschwein in Gasbers Stall.

Wenn es im Sommer heiß wird, kühlt es eine Vernebelungsanlage mit Wasser und ätherischen Ölen. Es kann zwar nicht auf Stroh liegen, aber auf "Komfortboden", wie Gasber sagt. Die Spalten, durch die die Hinterlassenschaften der Tiere fallen, sind hier kleiner als bei herkömmlichen Spaltenböden. In den Ställen hängen Ketten und aufgehängte Strohballen zum Spielen und Knabbern.

Es ist eine Art Luxus-Stall der konventionellen Tierhaltung: 1,3 Millionen Euro hat die Familie investiert. Marc Gasber arbeitet auf dem Hof als Bauer in der fünften oder sechsten Generation. Ganz genau weiß er es nicht. Die Schweinehaltung ist für den Ackerbaubetrieb Neuland. Der Agraringenieur sagt, er wolle mit den Tieren den "Stoffkreislauf schließen". Auf den Feldern wachsen Weizen, Gerste und Mais. Damit füttert Gasber die Schweine. Stroh und Heu bekommen die Pferde im angegliederten Reitstall. Die Gülle der Schweine düngt später die Felder. "Ich hätte es nicht anders gemacht, wenn ich von vornherein ohne die Zuschüsse von Tierwohl gerechnet hätte", sagt Gasber.

Härter trifft es die Landwirte, die in Erwartung der Zuschüsse ihre Ställe umgerüstet haben und jetzt leer ausgehen. "Die anfängliche Euphorie ist in Enttäuschung umgeschlagen", sagt Johannes Hilgers, Betriebsberater beim Rheinischen Erzeugerring für Mastschweine. "Allein die Vorbereitungen für den Antrag waren kostspielig und zeitaufwändig", sagt er. "Es mussten sogar die Sprossen aus der Fensterfläche herausgerechnet werden", beschreibt er die Prozedur, um ausreichend Licht im Stall für die Tierwohl-Kriterien nachzuweisen.

Ob sich mehr Tierwohl für die Halter finanziell noch auszahlt, bleibt offen. Die Initiative Tierwohl sucht jetzt Geldgeber jenseits des Einzelhandels. Großküchen oder Imbissketten etwa. Die Landwirte ziehen mit. "Hej Ikea, was haltet ihr von mehr Tierwohl für Eure Köttbullar...?", fragt ein Schweinezüchter-Verband in einer Plakat-Kampagne.

Denn dass der Einzelhandel seinen Obolus an die Schweinehalter in naher Zukunft aufstockt, erscheint fraglich. Bei der Kölner Rewe-Gruppe heißt es auf Anfrage, man habe sich "auf eine Systematik geeinigt" und hoffe nun, dass sich weitere Handelsunternehmen an der Initiative Tierwohl beteiligen. Der Edeka-Zentrale in Hamburg ist zu dem Thema nur so viel zu entlocken: "Im Augenblick geht es darum, das System unter den vereinbarten Bedingungen weiter wie geplant vollständig an den Start zu bringen." Im Klartext: Wir zahlen nichts zusätzlich.

Der Grafschafter Landwirt Gasber muss wohl auf die Wohlfühl-Prämie für seine Schweine verzichten. Viel wichtiger sei für ihn, dass er hinter seiner Tierhaltung stehen könne, sagt er. An den Stalltüren hängen zwar Schilder "Zutritt verboten". Aber das seien nur die Anforderungen der Abnehmer, sagt er. "Am liebsten würde ich möglichst vielen Leuten zeigen, wie es wirklich in einem Schweinestall aussieht."