Auswirkungen durch Ansiedlung Haribo verändert die Grafschaft nachhaltig

GRAFSCHAFT. Die Ansiedlung von Haribo in der Grafschaft hat erhebliche Auswirkungen. „Colorado-City“ hat zur Folge, dass man etwa über einen sechsspurigen Autobahnausbau und neue Wohngebiete nachdenkt.

Die Ansiedlung des Süßwarenkonzerns Haribo in der Grafschaft hat erhebliche Auswirkungen auf die Gemeinde und ihr Umland. Seit Mai hat das Weltunternehmen nach dem Wegzug aus Bonn seinen offiziellen Sitz im Ringener Innovationspark. Bis zu 2000 Mitarbeiter werden in Zukunft im Haribo-Werk und seiner Verwaltung tätig sein, 750 Lkw sollen täglich die Lagerhalle des Gummibärchen-Produzenten anfahren.

Mit erheblichen Aufwendungen hatte die 11 000-Seelen-Gemeinde die Ansiedlung des Lakritzschnecken-Herstellers möglich gemacht. Nun erhält sie dafür – quasi im Gegenzug – Gewerbesteuern in zweistelliger Millionenhöhe. Aber es gibt auch weitere Folgewirkungen: Ob Verkehr, Wohnbebauung, Kindergärten, Schulen oder Finanzen – die Grafschaft wird sich durch Haribo verändern.

Noch wird im neuen Werk gar nicht produziert. Das wird voraussichtlich erst in einem Monat der Fall sein. Bislang sind es lediglich 420 Verwaltungs- und rund 150 Logistikmitarbeiter, die täglich in den Innovationspark fahren, um bei Haribo zu arbeiten. Das habe schon ein erhöhtes Verkehrsaufkommen ausgelöst, bestätigt die Gemeinde. Einen Verdrängungsverkehr in andere Ortschaften, Überlastungen oder gar Staus gebe es deshalb aber nicht. „Hier macht sich der unmittelbare Anschluss des Innovationsparks an die Autobahn bezahlt“, so Grafschafts Bürgermeister Achim Juchem (CDU).

Eigene Buslinie führt zum neuen Haribo-Werk

Bereits vor drei Jahren hatte das Rathaus die Verkehrssituation auf dem gemeindlichen Straßennetz sowie die Leistungsfähigkeit einzelner Knotenpunkte eingehend gutachterlich untersuchen lassen. Die Erarbeitung der Expertise erfolgte vor dem Hintergrund, dass im Jahr 2030 für das gesamte Straßennetz (Gemeinde-, Landes- und Bundesstraßen) aufgrund der allgemeinen Verkehrsentwicklung höhere Belastungen zu erwarten sind.

Zur Entlastung wurde für Haribo inzwischen die Bus-Expresslinie 848 Ringen-Gelsdorf-Meckenheim geschaffen. Diese Linie verbindet die Arbeitsplatzschwerpunkte in Ringen und Gelsdorf mit dem Bahnhof in Meckenheim.

17 Millionen Euro in die Ansiedlung investiert

Dennoch: Mit der Besiedlung des Innovationsparks werde der motorisierte Personenverkehr auf dem innergemeindlichen Straßennetz zusätzlich zu der prognostizierten Verkehrszunahme ansteigen, so Juchem. Die höchsten Zuwächse seien übrigens bis 2030 auf der Autobahn 61 mit etwa 9500 Kraftfahrzeugen pro 24 Stunden zu erwarten. Auf den Gemeindestraßen – ohne den Innovationspark – seien pro 24 Stunden Zuwächse zwischen 400 und 2200 Autos und Lkw prognostiziert. Als die Ergebnisse des Gutachtens seinerzeit präsentiert wurden, hatten die Grafschafter Bürger ausgiebig die Möglichkeit, ihre Anregungen zu der Verkehrsuntersuchung und den Maßnahmen der Gemeindeverwaltung vorzutragen. Davon wurde auch rege Gebrauch gemacht. Derzeit erfolgen die Auswertungen, die in ein tragbares Verkehrskonzept einfließen sollen.

Die Autobahn soll ausgebaut werden

Achim Juchem: „Die Verkehrsuntersuchung enthält ein Bündel von Maßnahmen und Planfällen, die in ihren Wirkungen auf die Ortslagen unterschiedlich sind.“ Das Maßnahmenbündel reiche von einer zusätzlichen Autobahnanbindung über einen sechsspurigen Autobahnausbau bis hin zum Bau von innergemeindlichen Entlastungsspangen. Nicht nur beim im Zuge der Haribo-Ansiedlung notwendig gewordenen Verkehrskonzept haben Juchem und die Ratsfraktionen für eine intensive Einbindung der Bevölkerung und ihrer Belange gesorgt.

Vielmehr wird auch an einem grundsätzlichen Gemeindeentwicklungskonzept gefeilt. Wo will die Gemeinde hin? Soll es noch mehr Gewerbeansiedlung geben? Kann die dörfliche Idylle trotz der Haribo-Ansiedlung beibehalten werden? Kann die Wohnqualität erhalten bleiben? Alle Hebel hatte man in der Grafschaft in Bewegung gesetzt, um die Haribo-Ansiedlung möglich zu machen. Dies mit erheblicher finanzieller Hilfe des Landes. 17 Millionen Euro waren erforderlich, um das Gelände bebaubar zu machen und zu erschließen. Hierzu gehörten die Terrassierung des Areals, der Bau der sogenannten Südtangente, Ver- und Entsorgungsanlagen für Wasser und Abwasser, der Bau eines Regenrückhaltebecken, die Sicherstellung der Stromversorgung. Alleine für vier Millionen Euro wurde eine Umspannanlage gebaut, damit „Colorado-City“ nicht im Dunklen liegt.

Die getätigten Mammutinvestitionen lösten natürlich einen hohen Schuldenberg aus: Mit 28 Millionen Euro steht die Gemeinde in der Kreide. Allerdings: Es handelt sich um rentierliche Schulden, denen nun hohe Einnahmen gegenüberstehen. Die Haushaltsplanung sah einen Gewerbesteuerertrag für das Jahr 2018 in Höhe von zunächst sechs Millionen Euro vor. Nicht zuletzt wegen Haribo musste dieser Etatansatz nun nachgebessert werden. Für das laufende Jahr werden nunmehr Erträge von mindestens zwölf Millionen Euro erwartet.

Land und Kreis profitieren von den Mehreinnahmen

Aber: Neben der Gemeinde gibt es in diesem Zusammenhang noch andere Profiteure. So muss die Grafschaft diesen Geldsegen sowohl mit dem Land als auch mit dem Kreis teilen. Bereits 2018 wird die an das Land zu entrichtende Gewerbesteuerumlage auf 2,5 Millionen Euro emporschnellen. Etwas zeitversetzt wird die Kreisumlage in den Folgejahren in die Höhe schnellen.

Von den für 2018 erwarteten zwölf Millionen Gewerbesteuern verbleiben der Gemeinde so nur noch rund 45 Prozent, also 5,4 Millionen Euro. Dieser prozentuale Anteil wird sich in Zukunft auch nicht ändern. Jedoch könnte es durchaus sein, dass sich die Einnahmesumme noch steigert, die Abführquote indes wird bleiben.

Schon jetzt ist klar: Die Ansiedlung des Süßwarenproduzenten hat auf die Ansiedlung weiterer Unternehmen eine Magnetwirkung. „Die Nachfrage nach Gewerbegrundstücken ist seit Bekanntgabe der Ansiedlungsentscheidung der Firma Haribo weiter gestiegen“, berichtet Bürgermeister Juchem.

Aufgrund der hohen Grundstücksnachfrage konnten bislang rund 95 Prozent des Innovationsparks vermarktet werden. Für die verbleibenden Flächen des Gebietes – es handelt sich um noch 2,7 Hektar – liegen nach Auskunft der Grafschafter Wirtschaftsförderer bereits Reservierungen vor. Die Fläche für weitere Unternehmensansiedlung im Innovationspark Rheinland ist daher sehr begrenzt.

Interessanter Standort zum Wohnen und Arbeiten

Nicht wirklich vorhersehbar ist für die Gemeinde die Größenordnung einer etwaigen Bevölkerungsveränderung. Die gewerbliche Entwicklung der Gemeinde werde sich aber positiv auf die Bevölkerungsentwicklung auswirken, ist man sich im Rathaus sicher. Grafschaft werde am Rande des Ballungszentrums Köln/Bonn als Wohn- und Arbeitsplatzstandort interessant bleiben, sodass die Dynamik des demografischen Wandels durch positive Wanderungssalden abgeschwächt werde.

Ein Zuzugsdruck ausgelöst durch Haribo sei indes nicht zu erwarten, jedoch eine stabile Situation, so Juchem. Diese Einschätzung deckt sich allerdings nicht mit der Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Landesamtes. Nach dessen Bevölkerungsvorausberechnung wird die Bevölkerungszahl leicht zurückgehen.

Haribo erwirbt Bauflächen für seine Mitarbeiter

Haribo hat dessen ungeachtet für seine Mitarbeiter bereits Flächen im Baugebiet „Kreuzerfeld II“ erworben. Darüber hinaus ist nach Auffassung der Gemeinde eine weitere Bedarfsdeckung – zumindest mittelfristig – nicht erforderlich, sodass weitere Bauflächen speziell für Haribo nicht zur Verfügung gestellt werden.

Losgelöst davon wird die Gemeinde in den nächsten Jahren Baugebiete für den Eigenbedarf der einzelnen Orte sowie für den Gesamtbedarf der Gemeinde ausweisen. So recht weiß man schließlich noch nicht, wie viele Haribo-Mitarbeiter sich irgendwann in der Grafschaft auch tatsächlich niederlassen.

Da heißt es auch auf anderem Gebiet Vorsorge zu treffen: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Kindergartenplätze nicht ausreichend sind. Deshalb wurde der Neubau einer Zweigruppen-Kindertagesstätte beschlossen. Ähnlich sieht es in den Schulen aus: Nach der Schulstatistik mit Stand Juni 2018, die keine Zuzüge berücksichtigt, ist in allen Grafschafter Grundschulen ein Raumbedarf erkennbar. Juchem: „Auch hier sind weitere bauliche Maßnahmen wahrscheinlich.“ Mit Haribo erst recht.

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