Süßwarenkonzern zieht in die Grafschaft um Haribo ist ab sofort kein Bonner Unternehmen mehr

GRAFSCHAFT. Der Süßwarenhersteller Haribo ist künftig nicht mehr in Bonn, sondern in der Gemeinde Grafschaft zu Hause. Am Wochenende wurden die letzten Umzugskartons in den neuen Verwaltungssitz gebracht. Dort fällt in Zukunft auch die Gewerbesteuer an.

Es gibt Tage im Leben eines Bürgermeisters, die der Amtsinhaber wohl nie vergessen dürfte. Freitag, der 20. September 2013, war für Achim Juchem so ein Tag. Per Telefon erfuhr der Grafschafter Gemeindechef, dass es in seiner 11500-Einwohner-Kommune prominenten Zuwachs geben würde: Haribo hatte sich entschieden – der Umzug von Bonn auf die Grafschaft an den Rand des dortigen Innovationsparks war aus Sicht des Süßwarenkonzerns beschlossene Sache. Seither ist in der aus 16 Ortsteilen bestehenden Gemeinde nichts mehr so wie es war. Die Grafschaft ist auf dem Weg in die Zukunft.

Und die sieht rosig aus. Was durchaus an den zu erwartenden Gewerbesteuereinnahmen liegen dürfte. Schließlich zieht der Weltkonzern nicht nur mit Mann und Maus von Bonn in die Grafschaft, sondern verlagert auch den Firmensitz mitsamt seiner Holding an die Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen, was den Charme hat, dass alle Einnahmen aus den gesamten Haribo-Produktionsgewinnen in der Grafschaft versteuert werden müssen – und nicht nur die aus der Grafschafter Produktionsstätte.

Als die Kommunen rund um Bonn erfuhren, dass Haribo in einem Radius von 30 Fahrminuten von Bonn entfernt einen neuen Standort suchte, war die Konkurrenz für die Grafschaft zunächst groß. Schließlich hatten auch andere Städte ihre Bewerbung in den Ring geworfen – den Zuschlag erhielt jedoch der kleine Ort oberhalb des Ahrtals. Zum einen war es die gute Autobahnanbindung, zum anderen dürfte es – was der Konzern jedoch nicht bestätigt – der im Vergleich zu von anderen Städten erhobene günstige Gewerbesteuerhebesatz gewesen sein, der das Pendel in Richtung Grafschaft ausschlagen ließ. Vor allem aber der Umstand, dass die Grafschaft über Areale verfügte, die schnell für Haribo und deren Belange nutzbar waren.

Gigantisches Logistikzentrum und neue Firmenverwaltung

Rund 30 Hektar wurden bereitgestellt, damit der Gummibärchenproduzent sein gigantisches, 40 Meter hohes und mehr als 200 Meter langes und breites Logistikzentrum, sechs Produktionsstraßen und die neue Firmenverwaltung bauen konnte.

Klar war jedoch auch, dass die Gemeinde zunächst die hierfür notwendige Infrastruktur baufertig präsentieren musste. Fast 22 Millionen Euro mussten für Straßenbau, Regenrückhaltebecken, Terrassierungsarbeiten und den Abtransport von enormen Erdmassen aufgebracht werden. Ein Betrag, den man in dieser Höhe nicht kalkuliert hatte. Anders als von einem Gutachter ermittelt, erwies sich der Baugrund als felsig und verursachte bei den Terrassierungsarbeiten Mehrkosten von nahezu acht Millionen Euro. Das Land half. Ob Haribo-Stromversorgung, ob Haribo-Wasserver- und entsorgung, ob Aufbereitung des Produktionswassers, ob Erschließung des gesamten Areals: Auf die Verwaltung der kleinen Gemeinde kam eine Mammutaufgabe zu.

Bürgermeister Achim Juchem: „Das gesamte Team hat mitgezogen. Es wurden wie wild Überstunden gemacht, so manches Wochenende ist dabei drauf gegangen. Es war eine Herkulesaufgabe.“ Die bewältigt wurde. Im Übrigen auch in der Kreisverwaltung Ahrweiler, die als Baugenehmigungsbehörde ebenfalls bis zum Anschlag strapaziert gewesen sein dürfte.

Am vergangenen Wochenende wurden nun die letzten Umzugskartons von der bisherigen Bonner Firmenzentrale in den neuen Verwaltungssitz geschleppt. Die Verwaltung ist umgezogen, der Firmensitz ist verlegt, ein Probebetrieb in der Produktion soll nach GA-Informationen in wenigen Tagen gestartet werden. Haribo ist angekommen. „Wir wollen gute Nachbarn sein“, hatte die Firmenleitung versprochen. Achim Juchems erste Bilanz: „So verhalten sich die Hariboianer auch.“ Alle noch so schwierigen Verhandlungen seien stets fair und auf Augenhöhe verlaufen.

Bunte Gummibären aus der Grafschaft

Rund 2100 Arbeitnehmer werden im Vollbetrieb bei Haribo Grafschaft beschäftigt sein, 750 Lkw werden tagtäglich das Werk anfahren, um von dort aus Lakritzschnecken, Konfekt und bunte Gummibären in alle Welt zu bringen.

Ob dafür noch ein zusätzlicher Autobahnanschluss zwischen Meckenheim und Ringen geschaffen werden muss, bleibt abzuwarten. Juchem würde ihn durchaus als hilfreich ansehen. Wie auch den Bau eines Parkplatzes insbesondere für Lkw, die sich in Wartepositionen befinden oder parken müssen, damit die Fahrer die vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten können.

Die Entwicklung des künftigen Verkehrs müsse in Ruhe abgewartet werden, so Juchem. Dann müsse der Straßenbaulastträger – der Bund – entscheiden. Auch ohne die Haribo-Ansiedlung wäre längst ein größerer Parkplatz für Lkw an der „Goldenen Meile“ angebracht, ist sich das Gemeindeoberhaupt sicher.

Zunächst freut man sich auch im Gemeinderat auf den Start des Unternehmens. Am Donnerstag tagt der Rat. Unter anderem wird es dort einen Nachtragshaushalt geben. Grund: Die Gewerbesteuer wird dank Haribo vermutlich noch etwas höher ausfallen, als bei Etataufstellung gedacht.

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