Gedenken an Widerstandskämpfer

Ein „Stolperstein“ für Paul Jerchel

HOLZWEILER. Paul Jerchel war Widerstandskämpfer und wurde in Brandenburg hingerichtet. Seine Nachfahren leben heute im Rheinland. In Nauen bekommt er nun einen "Stolperstein".

Sie hätte sich über die neue Würdigung ihres Vaters gefreut: Ursula Mandt, die hochbetagt am 18. April dieses Jahres in Holzweiler gestorben ist. Die Seniorin stammte aus Nauen bei Berlin. Ihren Vater Paul Jerchel einen engagierten Sozialdemokraten und Widerstandskämpfer gegen das faschistische Regime, hatten die Nazis wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilt und am 9. Oktober 1944 in Brandenburg hingerichtet. Zwar hatten die russischen Besatzer Jerchel bereits im Dezember 1946 als „Opfer des Faschismus“ rehabilitiert. Er erhielt ein Ehrengrab in Nauen, das noch immer gepflegt wird; auch eine Straße wurde nach ihm benannt. Aber seine Tochter, Ursula Mandt, hat ihr Leben lang unter dem Geschehen in ihrer Jugend und dem Verlust des Vaters gelitten. Am 27. September wird der Kölner Künstler Gunter Demnig in Nauen einen „Stolperstein“ zum Gedenken an Paul Jerchel verlegen.

Die Initiatoren der Würdigung gehören der „Vorbereitungsgruppe Stolpersteine“ Falkensee an. Falkensee ist eine Nachbarstadt von Nauen im Landkreis Havelland. Und die Vorbereitungsgruppe versteht sich als Arbeitsgruppe der Lokalen Agenda 21 Falkensee, die nach der UN-Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ 1992 in Rio ins Leben gerufen worden ist. Die Vorbereitungsgruppe hat etwa ein Dutzend Mitglieder aus unterschiedlichen Berufsgruppen. So ein „Stolperstein“ kostet 120 Euro und wird durch Spenden finanziert. Der Stolperstein für Paul Jerchel soll in der nach ihm benannten Straße vor dem Amtsgericht Nauen verlegt werden, da an der Stelle seiner früheren Wohnung jetzt eine Grünfläche ist.

Zurück zu Ursula Mandt nach Holzweiler. Sie hatte ihre letzten Lebensjahre dort bei Tochter Therese Rüdig verbracht. Die Geschehnisse ihrer Jugend und den Verlust des Vaters hatte sie in vielen Gedichten mit traurigem Grundton verarbeitet, über die der General-Anzeiger vor gut zehn Jahren berichtet hat.

Paul Jerchel, Jahrgang 1902, war 1914 mit seinen Eltern nach Nauen gekommen, hatte den Beruf des Ankerwicklers gelernt, 1925 geheiratet, war 1927 der SPD beigetreten, in der er aktiv war. Auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten äußerte er offen seine Meinung und wurde schließlich von einem Arbeitskollegen und NSDAP-Mitglied denunziert.

Von den sieben Kindern lebten bei seinem Tod nur noch drei, der Krieg und das Schicksal des Vaters rissen die Familie weiter auseinander. Während die Mutter in Nauen ihren Lebensunterhalt verdiente, gingen die Kinder eigene Wege. Tochter Ursula zog es nach dem Krieg nach Hemmerich bei Bornheim zu ihrem Verlobten. In Bornheim lebt noch eine Reihe Nachkommen des Paars.

Außer den Gedichten hatte Ursula Mandt auch vom Abschiedsbrief ihres Vaters gesprochen, in dem es heißt: „Ich gehe in den Tod wie ein freier Mensch. Ihr müsst stolz sein, dass ich sterben muss, denn das Schicksal wird Euch Euren Lohn geben. Ich bin nicht tot, ich lebe weiter im Geiste meiner Kinder und meiner lieben Frau.“

Trotz der Rehabilitation des Vaters war Ursula Mandt eines klar: „Wenn mein Vater die Nazis überlebt hätte, hätten ihn die Machthaber der DDR nach Sibirien verbannt. Mit dem Regime hätte sich der kritische Geist ebenso wenig arrangieren können wie mit den Nazis.“ Mit dem „Stolperstein“ wird dem aufrechten Geist ein langes Andenken geschaffen. Denn das Motto der Arbeitsgruppe lautet „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“.