Gigantische Pyramide aus Erdaushub

Als Cheops die Grafschaft grüßte

GELSDORF. Der Kreativität der Grafschafter ist, wenn es darum geht, Spitznamen zu verteilen, gar groß. So bei einem Bauwerk, das eigentlich gar keines war, sondern nur Erdaushub. Dieses allerdings in einer Dimension, die alles bisher zwischen Nieredorf und Geldsdorf Dagewesene sprengte.

"Hubertus-Hügel" (der Bürgermeister hieß Hubert Kolvenbach), "Hermanns-Denkmal" (Ortsvorsteher Hermann-Josef Linden) oder "Kleiner Sankt Bernhard" (der Grafschafter CDU-Chef hieß Anton-Friedrich Bernads) waren die Namen, die vor mehr als 20 Jahren durch die Dörfer geisterten und alle nur eines beschrieben: Den riesigen Berg Erdaushub aus dem Loch des entstehenden Bundeswehrbunkers direkt an der Autobahn 61.

Kreativ war aber auch die Bundeswehr selbst bei der Namensgebung für den "Dreckhubbel", an dem Pharao Cheops seine Freude gehabt hätte: Er wurde als "Cheops-Pyramide" sogar im Bundesverteidigungsministerium in den Akten festgehalten.

Wer sich heute die von einem Doppelzaun umgebene Philipp-von-Boeselager-Kaserne im Gelsdorfer Gewerbepark ansieht, rätselt ob der Gebäude des Kommandos für Strategische Aufklärung, wofür denn die 200 Millionen Mark in den neunziger Jahren verbaut wurden.

Die Lösung heißt Schutzbau. Dieser wurde seit September 1990 gebaut - für das frühere Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr, das mit seinen Vorläufern seit 1956 in der Kreisstadt ansässig war. 36 Meter geht der Bunker in die Tiefe und hat eine Nutzfläche von 5000 Quadratmetern. Und sein Aushub sorgte mit 240.000 Kubikmetern Grafschafter Boden für eben jene Cheops-Pyramide. Bezogen wurde das Bauwerk von den ersten Soldaten übrigens 1996, der Rest folgte bis zum Jahr 2000.

Auch um das Bunker-Loch rankten sich die Geschichten auf der Grafschaft. Da war sogar von einem Geheimgang zum damals noch existierenden Regierungsbunker im Ahrtal die Rede. Tatsache hingegen ist, dass in Sachen Bunker, militärische Anlagen und Luftbilder die Koblenzer Bezirksregierung 1991 als erste Behörde ihrer Art neue Wege beschritt.

Der ehemalige DFB-Chef Theo Zwanziger war damals Regierungspräsident und vertrat den Standpunkt: "Von jedem Satelliten aus können schärfere Fotos gemacht werden, als aus einem Flugzeug." Damit war die bis dahin zwingend erforderliche behördliche Luftbildgenehmigung vom Tisch und der General-Anzeiger präsentierte seinen Lesern am 10. August 1991 den Blick ins Bunkerloch.

Noch 'ne Geschichte. Im Dezember 1991 gab es eine Razzia auf der Baustelle, deren Bauherr die Bundesrepublik Deutschland war. Dies ziemlich respektlos beiseite schiebend rückten 20 Experten in Gelsdorf an: Razzia. Arbeitsamt, Kripo, Zollfahndung und Kreisverwaltung drehten zwar nicht jeden Stein, dafür aber jeden Ausweis auf links.

Die Blamage war perfekt: Mitten im Bunkerloch arbeiteten Schwarzarbeiter, Ausländer ohne Papiere, Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis. Der Schwarze Peter wurde dem Land zugeschoben. Denn Mainz war für die Bauverwaltung zuständig, der Bund als Bauherr fein raus.

Der Deckel auf den Bunker kam übrigens 1996. Von da an wurde die Cheops-Pyramide täglich kleiner. Heute ist von ihr nur noch etwas zu sehen, wenn man zwei Kontrollen, eine Schranke und eine Drehtür in der Boeselager-Kaserne passiert hat, was allerdings nur wenigen Sterblichen möglich ist.

Es wird wieder geheim gehalten, was eigentlich nicht mehr geheim ist. Denn schon kurz nach dem Umzug von Bad Neuenahr-Ahrweiler nach Gelsdorf gab es für den General-Anzeiger einen exklusiven Blick 36 Meter unter der Erde in die Kommandozentrale, für die es übrigens bis dato noch keinen Spitznamen gibt.