Europäische Akademie Ahrweiler

Vortrag über Ungleichheiten in der Gesellschaft

KREISSTADT. Stirbt derjenige, der arm ist, früher? Eindeutig ja. Im Ratssaal der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler beschäftigte sich jetzt der Verein der Förderer der Europäischen Akademie" mit der Frage und hatte dazu mit den Professoren Stefan Huster (Universität Bochum) und Friedrich Breyer (Universität Konstanz) zwei Referenten geladen.

Seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte dürfte es so sein, dass arme und in der Regel hart und unter widrigen Bedingungen arbeitende Menschen eine weitaus geringere Lebenserwartung haben, als wohlbetuchte. Bis heute hat sich daran nichts geändert. In Japan werden Männer beispielsweise im Durchschnitt 79 Jahre alt, im Kongo liegt die Lebenserwartung der Männer hingegen bei lediglich 54 Jahren.

Im reichen Glasgower Stadtteil Lenzie liegt die Lebenserwartung der Männer bei 82 Jahren, zehn Kilometer weiter, im Arbeiterstadtteil Calton, bei 54 Jahren. Wie kommt es zu diesen massiven Ungleichheiten, die es - wenn auch nicht so krass - auch in Deutschland gibt? Zwischen den oberen und den unteren Einkommensklassen liegt bei der Lebenserwartung eine Differenz von zehn Jahren (Männer) und acht Jahren bei Frauen.

Am funktionsfähigen System der Gesundheitsvorsorge und der oftmals genannten "Zwei-Klassen-Medizin" liege es nicht, so Stefan Huster von der Ruhr-Universität. Immerhin bezögen mehr als neunzig Prozent der hier lebenden Menschen im selben Gesundheits-Versorgungssystem, nämlich bei den gesetzlichen Krankenkassen, ihre Leistungen.

Eine gesundheitsbezogene Lebensführung sei ein ausschlaggebendes Kriterium. Ernährung, Bewegung, Nikotin, Alkohol, die Umweltbedingungen wie das Wohnumfeld oder die Arbeitsbedingungen seien gemeinsam mit sozialstrukturellen Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder gute oder schlechte Einbindung in soziale Netzwerke und gesellschaftliche Anerkennung von entscheidender Bedeutung. Hinzu kämen genetische Dispositionen.

Sind die Ungleichheiten gerecht? Ist nicht jeder für seinen Lebensstil selbst verantwortlich? Wie weit geht die Verantwortung des Sozialstaates, wenn es um die Reduzierung sozialer Gesundheitsungleichheiten geht? Wie entscheidend sind die schichtenspezifischen Prägungen? Huster sprach von mehr Eigenverantwortung des Menschen "als Ordnungsprinzip". Das Verhältnis von kollektiver und individueller Verantwortung müsse neu ausbalanciert werden.

Friedrich Breyer rechnete vor, dass auch in der Rentenversicherung deutlich werde, wie es um die statistische Lebensdauer stehe. Ein Entgeltpunkt mehr (Zahl der Beitragsjahre und Höhe der Einzahlung) entspreche einer um vier Jahre längeren Lebenserwartung. Besserverdiener hätten nicht nur eine höhere Rente, sie bezögen auch über einen längeren Zeitraum das Ruhestandsgeld. Sein Credo: mehr Bildung, bessere Bildung. Gebildete Menschen zeigten mehr Gesundheitsbewusstsein.