Trinkwasserverunreinigung in Bad Neuenahr und auf der Grafschaft

Ursache für Bakterien vermutlich gefunden

10.09.2014 KREISSTADT/GRAFSCHAFT. Eine Woche nach dem Fund von E.coli-Bakterien im Trinkwasser, hat die Kreisverwaltung wahrscheinlich die Ursache gefunden. Mit Gülle durchsetztes Wasser soll in Leitungsnetz gedrungen sein. Bürger äußern dennoch ihren Ärger über die Behörden.

Es gibt einen Lichtblick bei der nach wie vor vorhandenen Trinkwasserverunreinigung in Bad Neuenahr und der Grafschaft. Offenkundig ist die Ursache für den Fäkaleintrag gefunden. Danach soll nach den vergangenen Regenfällen ein Schachtbauwerk an der Grenze der Grafschaft zu Werthoven voll gelaufen sein. Das vermutlich Gülle enthaltene Wasser habe sich seinen Weg durch Dichtungen in das Leitungsnetz des Trinkwassers gesucht. Das teilte die Kreisverwaltung mit. Die Grenzwertüberschreitungen sollen derzeit zurückgehen. Entwarnung kann erst gegeben werden, wenn alle Leitungen durchgespült worden sind.

 Neun Tage ist es her, als Feuerwehrwagen durch die Straßen der Kur- und Heilbadstadt fuhren, um per Lautsprecherdurchsage vor der Verunreinigung des Trinkwassers zu warnen, da es mit E.coli-Bakterien durchsetzt ist. Flugblätter wurden verteilt, ein Abkochgebot wurde ausgesprochen. Mehr als eine Woche später kann noch immer keine völlige Entwarnung gegeben werden. Der als Experte hinzu gezogene Bonner Universitätsprofessor, Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit, erklärte gegenüber dem General-Anzeiger, dass es sich um eine "komplexe Ursachenermittlung" handele.

Hinsichtlich der Ursachenermittlung seien systematische Auswertungen der Laboruntersuchungen, hierauf basierend Ortsbegehungen und erweiterte Untersuchungen zum Ausschluss weiterer Krankheitserreger im Trinkwasser an allen Tagen einschließlich Sonntag gemeinsam mit dem Gesundheitsamt und Wasserversorgern durchgeführt worden. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen hinsichtlich der wahrscheinlichen Ursache seien in Sitzungen abgestimmt und falsifiziert sowie die Plausibilität der Schlussfolgerungen geprüft", berichtete Professor Exner.

"Ich habe kein Mandat zur Kommunikation der Ergebnisse erhalten, insofern bitte ich um Verständnis, wenn ich diesbezüglich auf die zuständigen Stellen der Kreisverwaltung verweise", so der Fachmann. Ein "Mandat zur Kommunikation" hat jedoch die Kreisverwaltung, die am Mittwochabend Stellung nahm (siehe Kasten).

In den Haushalten der Grafschaft und in Bad Neuenahr wuchs derweil bis Mittwochabend der Verdruss. Rolf Inslob aus Heimersheim: "Ich habe ob der desaströsen Informationspolitik aus dem Kreishaus und der EVM den Bürgerbeauftragten des Landes Rheinland-Pfalz eingeschaltet und mich bei ihm beschwert." Eine Mutter mit sieben Kindern (zwei bis 16 Jahre) aus der Bad Neuenahrer Unterstraße sagte: "Wir wollen endlich Entwarnung haben." Der Abkoch-Marathon koste nicht nur Zeit und Nerven, sondern auch Geld. Täglich müsse sie zudem sieben große Wasserflaschen zusätzlich kaufen.

Sauer ist auch Hans Scholz aus der Bad Neuenahrer Mittelstraße. "Seit einer Woche ist in dem selbstredend hoch technisierten Deutschland das Trinkwasser der Kur- und Badestadt, nebst der Grafschaft, von E.coli-Bakterien durchseucht und somit auf dem Hygieneniveau eines verarmten Dritte-Welt-Dorfes. Haben die Verantwortlichen der EVM Angst vor den Regressansprüchen aus der Gastronomie, den Zahnarztpraxen oder den Altenheimen? Was soll diese Desinformation durch unverschämtes Schweigen? Wenn das Trinkwasser aktuell schon auf dem Niveau einer Bananenrepublik ist, muss es nicht auch noch die Kommunikation sein."

Der Bad Neuenahrer Mediziner Friedemann Rust schrieb dem GA: "Es ist wirklich interessant, dass nach dem Schweigen der EVM auch beim Gesundheitsamt lange kein Hinweis auf die aktuelle Verunreinigung des Trinkwassers zu bekommen war." Er spricht von einer "Null-Kommunikation". Rust: "Man scheint dort komplett überfordert zu sein. Warum erfährt der Bürger nichts über Keimzahlen, prozentuale Überschreitung der Grenzwerte, betroffene Quellen? Warum wird nicht auf andere Quellen zurückgegriffen?

Antworten darauf hätte ich mir vom Gesundheitsamt gewünscht. Der Bürger ist wieder mal der Dumme." Gemeldet hat sich auch die Grafschafter "Bürgerinitiative gegen Industrielle Güllelager in Wohnortnähe". "Wir betrachten die Entwicklung mit Sorge", so der Sprecher der Initiative, Reinhold Hermann. Da die festgestellten Bakterien aus Fäkalien menschlichen oder tierischen Ursprungs stammen, könne eine Verursachung durch Gülleeintrag nicht ausgeschlossen werden. Möglicherweise ist dies nun seit Mittwochabend Gewissheit.

Wenig erbaut ist derzeit auch der Ahrtal-Tourismus. Geschäftsführer Andreas Wittpohl: "Leider gab es in den vergangenen Tagen vereinzelte Stornierungen im Beherbergungsgewerbe. Schmerzlich ist auch, dass bei einigen Gastgebern die sonst eingehenden spontanen Buchungen, insbesondere für die Wochenenden, teilweise ausblieben. Dies ist umso bedauerlicher, da sich die Situation um die Wasserproblematik offensichtlich entspannt und wir kurzfristig mit einer Entwarnung rechnen." (Victor Francke)