40.000 Gespräche im Jahr

Telefonseelsorge Ahrweiler feiert 40. Geburtstag

Ahrweiler. Im Verbund mit Aachen, Krefeld und Düren führt die Telefonseelsorge Bad Neuenahr-Ahrweiler 40.000 Gespräche pro Jahr mit Ratsuchenden. Ein Blick in die Geschichte und in die Zukunft.

Sie sind häufig der letzte Fels in der Brandung, bevor die Wogen über einem zusammenschlagen. Sie legen nicht auf, wenn jemand nicht gut aufgelegt ist. Sie hören zu und halten – die 70 Mitglieder der Telefonseelsorge (TS) Bad Neuenahr-Ahrweiler, die ihren 40. Geburtstag feiern.

Der erste Anruf ging am 1. Oktober 1979, um 15 Uhr ein: Eine Frau klagte über Ärger mit Nachbarn und der Familie. Das Gespräch dauerte eine Stunde und die Anruferin war froh, dass sie ihrem Ärger mal Luft machen konnte. Den Weg bereitet für die TS hatten zu diesem Zeitpunkt Gespräche mit dem Arbeitsteam „action 365“, einer in Bad Neuenahr seit acht Jahren bestehenden ökumenischen Laienbewegung.

Heraus kam das zunächst auf 18 Monate befristete „Experiment Telefonseelsorge“. Die Einladung zum ersten Infoabend nahmen 80 Interessenten an, danach widmeten sich Mentoren aus Koblenz 21 Anwärtern vorbereitend.

„Es folgten wechselvolle Jahre“, sagt Vorsitzende Lena Saltzmann und ihre Vertreterin Inga Fischer-Morckel im GA-Gespräch. Diensträume wurden angemietet, im Jahr 1981 die Gemeinnützigkeit anerkannt. Hatte das Telefonat zuvor noch Gebühren gekostet, wurde in jenem Jahr der Dienst rund um die Uhr beschlossen und die kostenlose Nummer 0800/111-0-111 freigeschaltet. „Wichtig, wenn Telefonate auch schon mal anderthalb Stunden dauern“, berichtet Saltzmann.

Zahl der Anrufe steigt stetig

Im Mai 1983 wurde die TS Vollmitglied im evangelischen Dachverband, Ende 1984 wurden bereits 3000 Gespräche pro Jahr verzeichnet. Die Anrufe nahmen Jahr für Jahr zu, jetzt werden im Schnitt im Verbund (siehe unten) rund 40.000 Gespräche pro Jahr mit Ratsuchenden geführt, davon rund 11.000 in der Geschäftsstelle im Kreis Ahrweiler.

Seit 2014 ist die TS im Internet vertreten und erklärt mithilfe eines Videos, wie Telefonseelsorge funktioniert. Die TS stellte sich ebenso auf die neuen Kommunikationswege ein, inklusive sozialer Medien wie Facebook. „Unser Plan ist, uns auch in der Mail-Seelsorge zu engagieren. Dafür müssen wir die technischen Voraussetzungen schaffen und Mitglieder suchen, die sich dort einbringen möchten“, erklärt Saltzmann.

Fischer-Morckel ergänzt: „Wir beraten Menschen in Not nicht therapeutisch, wir werten nicht, erheben nicht mahnend den Finger. Der Kern der Arbeit ist Schweigen, Hören, Zuhören bis zum Verstehen. Für das Hören brauchen wir Ohren, fürs Zuhören das Herz. Wir sind nicht Helfer, sondern Begleiter.“

Richtete sich das Hilfsangebot ursprünglich an suizidgefährdete Menschen, so sind es nun überwiegend einsame, orientierungslose Menschen, Kranke und Depressive, die zum Hörer greifen, aber auch die, die Probleme in der Partnerschaft oder finanzielle Schwierigkeiten bedrücken.

Die ältesten Anrufer sind über 90

Das Gros der Hilfesuchenden ist mindestens 50 Jahre alt, die ältesten um die 90. „Es gibt eine hohe Zahl an Wiederholungsanrufern. Natürlich kontaktieren uns auch Jugendliche, Scheidungskinder, oder Missbrauchte. Aber das Telefon ist nicht ihr Kommunikationsmittel, sie bevorzugen eher die Mail- und Chatberatung“, sagt Saltzmann.

Was macht einen guten Telefonseelsorger aus? „Geduld, Konzentration, Disziplin, analytisches Denken, Gespür für Zwischentöne, intensive innere Anspannung und eine große Herzensbildung“, erklärt die Vorsitzende.

Die Ausbildung dauert eineinhalb Jahre und steht auf vier Säulen: Seminare, Selbstkontrollprogramme, Vertiefungskurse mit gruppendynamischen Aspekten und der Dienst am Telefonarbeitsplatz in Form von Hospitationen.Vermittelt werden dabei neben den Grundpfeilern Anonymität, Respekt und Toleranz das aktive Zuhören, die emotionale Stabilität, Empathie sowie das Aktivieren eigener Kraftquellen. Ganz wichtig: Die Kunst der Gesprächsführung, um Struktur hinein zu bringen.

Geld der Krankenkassen fehlt

Den beiden ehrenamtlichen Vereinsspitzen fehlt die finanzielle Unterstützung der Krankenkassen. „Wenn wir schon psychologische Arbeit leisten, dann sollten auch Gelder fließen. So kostet beispielsweise eine TS-App fürs Smartphone bis zur Einführung 150.000 Euro. Auch die professionelle Aus- und Weiterbildung unserer Ehrenamtlichen sowie deren Supervision verschlingen viel Geld“, berichtet Saltzmann.

Wurde die Arbeit der TS bereits in einer Ausstellung in der Villa Sibilla in den Fokus gerückt, wird am Mittwoch, 3. April, 15 Uhr, im Foyer des Kreishauses unter der Schirmherrschaft von Landrat Jürgen Pföhler eine weitere Ausstellung zur 40-jährigen Geschichte eröffnet. Seit 1981 bezuschusst der Kreis die TS, zuletzt mit 15.000 Euro jährlich.

Wie schreibt Eckart von Hirschhausen in seinem Grußwort zur Festschrift „Worte Werden Wege“? „Viele gucken weg, Ihr geht ran. Bleibt uns erhalten. Und sorgt auch gut für Euch! Ihr haltet so viel mehr in Euren Händen als einen Hörer.“