Fund zeigt historisches Ahrweiler

Rätsel um 160 Jahre alte Farbzeichnung gelüftet

AHRWEILER. Heimathistoriker Heinz Schönewald hat in einer US-Bibliothek eine kolorierte Zeichnung von Ahrweiler aus dem Jahr 1859 entdeckt. Es handelt sich um ein Werk des damals erst 16-jährigen Charles Valentine Riley.

Wenn es um die Geschichte seiner Heimatstadt Ahrweiler geht, ist Heinz Schönewald hartnäckig. Er gräbt in Archiven oder malträtiert Suchmaschinen. Immer mit dem Ziel, etwas zu finden, was bis dato nicht im Kreis Ahrweiler publiziert wurde. Manchmal reagiert er aber auch spontan, wenn er ins Bücherregal greift und etwas entdeckt, was mit Fragezeichen versehen ist. Dann drängt ihn förmlich die Recherchewut. Sein neuester Coup: Als Mitglied des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins blätterte er eher zufällig in den „Bonner Geschichtsblättern“ aus dem Jahrgang 1996. Dort stieß er auf einen Beitrag über Charles Valentine Riley, einen Briten, der im 19. Jahrhundert gelebt hat, und einen Vermerk auf dessen Skizzenbuch. Der 1843 in London geborene Riley war 1858 bis 1860 Schüler des Bonner Universitätszeichenlehrers Christian Hohe.

Autoren des Beitrags waren Willis Conner Sorensen und Edward H. Smith, die aus Anlass von Rileys 100. Todestag 1995 bei dessen Enkeltochter Emily Wenhan-Smith Brash Einblick in das Skizzenbuch des Großvaters genommen hatten und die dortigen Zeichnungen auflisteten. Da tauchen auf: Apollinariskirche, Altenahr, Bunte Kuh, aber auch Drachenfels, Mehlem und Königswinter. Was aber verbarg sich hinter ihrer Beschreibung „Flusslandschaft (Rhein?) mit Insel und Kirche (Nonnenwerth?) und gegenüberliegendem Ufer (Siebengebirge?)“. Mit diesem Untertitel hatten Sorensen und Smith Blatt zwei der 57 Blätter und 62 Zeichnungen umfassenden Sammlung katalogisiert. Das Bild fand sich nicht in den „Bonner Geschichtsblättern“.

Fündig wurde Schönewald vor wenigen Tagen in der Online-Bibliothek der Kansas State University in Manhattan. Dort gab es einen Hinweis auf das Skizzenbuch. Und dann musste der Heimathistoriker erst einmal tief durchatmen. Zwar zeigte die Webseite nur die ersten drei Seiten der Skizzensammlung, deren Beginn mit dem 1. Dezember 1858 datiert ist, doch just die „Flusslandschaft“ war darunter und zeigte – nochmal durchatmen – Ahrweiler vor 160 Jahren.

Ein Fund, den er dem General-Anzeiger nebst Erläuterungen und immer noch mit Herzklopfen auf der Internetseite des US-Landwirtschaftsministeriums präsentierte, das ergänzendes Material zu Riley hat, das Bild jedoch mit „Ort unbekannt“ betitelt. Gut, Sorensen und Smith konnten nur rätseln, doch ein Ahrweiler erkennt seine Stadt notfalls auch mit verbundenen Augen. Schönewald: „Riley war mit Rudolf Hohe, dem Sohn seines Bonner Lehrers, befreundet. Die beiden haben 1859 das Ahrtal bereist. In dieser Zeit ist auch das aquarellierte Blatt entstanden, das Ahrweiler von Westen gesehen zeigt.“

Von der Perspektive her muss der Maler vor 160 Jahren etwa in Höhe des heutigen Wanderparkplatzes „Bunte Kuh“ am Rotweinwanderweg gestanden haben, als er die Skizze schuf. Der Aufbau des kolorierten Motivs wird auf der rechten Seite vom Kloster Calvarienberg beherrscht, während sich dem Betrachter links davon das mittelalterliche Oval der Stadtbefestigung von Ahrweiler bietet. Im Hintergrund die imposanten Erhebungen der Landskron und des Neuenahrer Berges. Am oberen Bildrand findet sich die Silhouette der Erpeler Ley und des Linzer Kaiserbergs. Auch Bachem am rechten Ahrufer ist zu erkennen. „Da Riley nach Einschätzung von Kunstsachverständigen sehr originalgetreu zeichnete, bieten sich heute gute Vergleiche zur Situation in Ahrweiler von anno dazumal“, sagt Schönewald.

So ist auf dem Bild der noch zerstörte Wehrturm an der Schützbahn zu erkennen, der seit seinem Wiederaufbau des Wohnhauses der Familie von Ehrenwall (1903) als „Schlösschenturm“ bekannt ist. Auch die 1927 abgebrannte Schicksmühle ist zu sehen, ebenso die Pfahlsmühle und die ehemalige Ölmühle auf der südlichen Seite der Obertorbrücke. Der Kirchturm von Sankt Laurentius trägt noch den barocken Helm, bevor dieser 1899 vom Trierer Dombaumeister Wilhelm Schmitz in seiner ursprünglichen gotischen Form wiederhergestellt wurde. Am Kloster Calvarienberg erkennt man die von den Ursulinen geschaffenen Anbauten der ersten beiden Jahrzehnte seit 1838.

„Eine absolute Rarität“, ist sich Schönewald sicher, der berichtet, dass sich das Original inzwischen im Besitz der Riley-Stiftung, die nach dem Tod der Enkelin gegründet worden war, befindet. Diese hat ihren Sitz auf der britischen Insel.

Dies, obwohl Riley 1860 von London aus, wo er nach dem Tod seines Vaters seine akademische Ausbildung beendet hatte, im Alter von 17 Jahre alleine in die USA ausgewandert war. Dort machte der begnadete Zeichner zunächst als Farmer, dann als Redakteur des in Chicago erscheinenden „Prairie Farmer“, dem damals führenden Landwirtschaftsjournal in den Staaten, Karriere. Seine Berichte bereicherte er mit zahlreichen detaillierten Zeichnungen von Tieren und Pflanzen. Während des Sezessionskrieges leistete er seinen 100-tägigen Wehrdienst beim „134. Illinois Volunteer Infantry Regiment“ ab.

Doch bereits während seines Aufenthaltes in Bonn hatte er Interesse an der Erforschung von Insekten gezeigt. Darauf setzte Charles Valentine Riley nach dem Ende seiner Militärzeit seinen beruflichen Schwerpunkt. Die Insektenkunde (Entomologie) machte ihn auch außerhalb der Vereinigten Staaten bekannt. 1868 wurde er zum Entomologen des Bundesstaates Missouri berufen.

Nicht zuletzt dank seiner fließenden Kenntnisse der deutschen und der französischen Sprache stand er in regem Briefkontakt mit zahlreichen Wissenschaftlern weltweit. Mit Charles Darwin ist sein Briefwechsel zur Erforschung des Monarchfalters erhalten. 1878 ernannte man Riley zum Chef-Entomologen des US-Landwirtschaftsministeriums. Der biologische Umgang mit Insektenplagen war sein Schwerpunkt. Und er fand Lösungen, die heute auch in den Weinbergen der Ahr angewandt werden. Denn als einer der Ersten erkannte Riley, dass die amerikanische Rebe Vitis labrusca resistent gegenüber der Reblaus war. In Zusammenarbeit mit Winzern züchtete er aus regionalen Wildreben neue reblausresistente Hybridformen. Diese schickte er nach Frankreich, wo der Weinbauwissenschaftler Jules Émile Planchon an der Universität Montpellier die Züchtungen als Unterlagen für reblausresistente Rebsorten verwendete. Dadurch konnte der Weinbau in Mitteleuropa, so auch im Ahrtal, vor einer völligen Vernichtung durch die Reblaus gerettet werden. Noch heute stehen alle Reben auf Rileys amerikanischen Klonen. Für seine Verdienste wurde er 1884 zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt.

Zahlreiche weitere Pläne und Forschungen wurden am 14. September 1895 einem jähen Ende unterworfen: Bei einem Verkehrsunfall in der Hauptstadt Washington D.C. stürzte Charles Valentine Riley vom Fahrrad und zog sich dabei eine Schädelfraktur zu. Er erlangte das Bewusstsein nicht wieder und verstarb noch am selben Tag. Der Wissenschaftler wurde 52 Jahre alt und hinterließ seine Ehefrau, fünf Töchter und einen Sohn. Seine Familie zog später wieder nach England.

Das Foto des Bildes von Ahrweiler aus dem Jahr 1859 befindet sich aktuell auf der Webseite des United States Department of Agriculture.