Barrierefreiheit im Ahrtal

Mit dem E-Handbike auf dem Ahrradweg

Auch von der neuen Brücke am Ahrradweg bei Laach macht sich Matthias Rösch (auf dem E-Handbike) ein Bild.

Auch von der neuen Brücke am Ahrradweg bei Laach macht sich Matthias Rösch (auf dem E-Handbike) ein Bild.

KREIS AHRWEILER. Der Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, Matthias Rösch, hat sich ein Bild von der Barrierefreiheit im Ahrtal gemacht. Eine 13 Kilometer lange Strecke nahm er aus der Sicht eines E-Handbike-Fahrers unter die Lupe.

Das Ahrtal zeigte sich bei Sonnenschein und blauem Himmel, mit Felslandschaft, Weinbergen, Tunnel, Viadukt-Passagen und neuer Brücke bei Laach auf dem Ahrradweg zwischen Altenahr und Ahrweiler von seiner schönsten Seite. Doch Matthias Rösch, Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen und auf den Rollstuhl angewiesen, war gekommen, um auf die 13 Kilometer lange Strecke seine konstruktiv kritischen und professionellen Blicke aus der Sicht des E-Handbike-Fahrers zu werfen.

Mit Maximilian Scholl, beim Ahrtal-Tourismus verankerter Projektkoordinator für Barrierefreiheit, Maike Gausmann-Vollrath, Wirtschaftsförderin der Stadt Sinzig, Jörg Lindner vom Tiefbauamt der Kreisstadt und Ulla Dismon, Tourismusförderin der Verbandsgemeinde (VG) Altenahr, machte sich Rösch am Altenahrer Bahnhof auf den Weg. Dort hatten ihn VG-Bürgermeister Achim Haag und Rudi Frick, Beigeordneter der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, begrüßt. Nicht nur mit Blick auf die Landesgartenschau 2022 ist allen drei Kommunen im Zusammenschluss als einer von zehn Modellregionen im Land beim Thema „Tourismus für alle“ die wachsende Bedeutung durch den demografischen Wandel und die steigende Zahl schwerbehinderter Menschen bewusst.

Geografie stellt Planer vor Herausforderung

„Vieles geht im engen Flusstal wegen der Geografie nicht. Und ich bin überzeugt, dass Rücksichtnahme auf den Wegen beim Zusammentreffen von Wanderern und Radfahrern das A und O ist“, so Haag. Er dankte Rösch schon vorab fürs kritische Durchleuchten. „Hier vor Ort steckt viel Engagement“, lobte der Landesbeauftragte und ist sich sicher: „Wenn es Gästen mit Behinderung hier gefällt, dann allen. Vieles haben Sie schon erreicht, oft geht es nur um gezielte und verlässliche Informationen für Gäste mit Behinderung.“ Radfahren und Wandern seien wichtige touristische Säulen im Land: „Ziel für Ihre Region wäre eine Zertifizierung mit dem Landesbetrieb Mobilität (LBM).“ Sprach's und ließ sich von seinem Mainzer Team ein E-Handbike an den Rollstuhl montieren, um der Theorie die Praxis folgen zu lassen.

Ulla Dismon zeigte dem Gast zunächst auf der Infotafel am Altenahrer Bahnhof den Streckenverlauf – relativ flach, vorbei an steilen Weinbergsterrassen. Doch Rösch wusste, dass allein das „Reinkommen“ in die Ahrtalbahn an einigen Bahnhöfen Probleme bereitet. „Ich gebe das gerne, wieder und wieder, weiter“, so Haag. Genau hinschauen wollte Rösch auch bei den Bodenbelägen, der Wegbreite oder der Infrastruktur entlang des Ahrradweges. Gibt es barrierefreie Toiletten, Einkehrmöglichkeiten, Hotels? An der Dernauer Steinbergsmühle zog Rösch dann eine erste Bilanz. „Sie haben es wunderschön hier, die Kombination aus Fluss und Weinbergen ist ein Traum. Von den Steigungen her kam ich gut zurecht mit meinem Handbike. Hinter der Lochmühle jedoch müsste im Falle einer Zertifizierung ein Schild hin, damit man früher runterschalten kann.“ Zwei Wurzeln im Asphalt bremsten ihn dann wenig später sprichwörtlich aus, „man verliert leider an Schwung“. Die Beläge seien gut, auch wassergebundene Decken seien kein Ausschlussargument für eine Zertifizierung.

"Förderung für Betriebe ist zu gering"

An einer Stelle hielt Rösch einen Spiegel für sinnvoll, in Rech, wo der Weg über die Straße führt, eine Fahrradampel. Kurz vor Walporzheim hatte er dann durch den größeren Wenderadius Probleme, um eine scharfe Kurve zu kommen. Er empfahl, den Bereich zu verbreitern und am Bordsteinrand der B 267 Kunststoff-Poller anzubringen. Bis auf einige wenige Engstellen, bei denen bei Gegenverkehr Vorsicht geboten sei, etwas schlechteren Belägen vor allem auf Brücken und einer stärkeren Steigung von mehr als acht Prozent in Höhe der Ahrschleife bei Laach, konnte der Landesbeauftragte den Weg gut befahren. Sein Tipp fürs weitere Prozedere: Die Kommunen, die als Modellregion Zugriff auf Mittel des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung hätten, sollten jetzt ein Planungsbüro mit ins Boot holen und mit dem LBM Zertifizierung und Beschilderung anstreben. „Der ADAC führt beispielsweise die Betriebe, die bei 'Reisen für alle' mitmachen, im Routenplaner auf. Mit mehr als 300 Betrieben im Land liegen wir nach Thüringen an zweiter Stelle.“

Scholl war dankbar für die Hilfestellung, das Team merkte auf der Strecke, wo Behinderte Probleme bekommen. „Wir sammeln die Fakten, erstellen ein Kataster auch mit weiterführenden Infos zur gesamten touristischen Servicekette von der Buchung bis zur Abreise“, so Scholl. Er räumte ein, dass das Ahrtal bei der Zahl der Betriebe, die sich die Barrierefreiheit unter dem Aspekt „Reisen für alle“ auf die Fahne schreiben, eher dürftig ausfällt. „Das ist für 165 Euro mit einer Förderung des Wirtschaftsministeriums möglich und bietet einen hohen Mehrwert“, animierte Rösch.

Auch der restliche Ahrradweg bis Sinzig, aber auch der Rotweinwanderweg sollen noch untersucht werden. „Es geht nicht darum, neue Angebote speziell nur für Menschen mit Behinderung zu schaffen, sondern die Barrierefreiheit viel stärker als bisher in die bestehenden zu integrieren.“