Besuch im Land der Täter

Meir Heli aus Israel geht auf Spurensuche im Ahrtal

15.01.2016 DERNAU/AHRWEILER. Meir Heli lebt als orthodoxer Jude in Jerusalem. Seit seiner Geburt 1953. Deutschland war zeitlebens für ihn das Land, in dem sein Großvater Max Heli und seine Großmutter Illa, geborene Heymann, geächtet, deportiert und ermordet wurden.

Meir hatte das Glück, dass seinem Vater Manfred zusammen mit dessen Schwester Alice 1939 noch die Flucht nach England gelungen war. Das ist mehr als 70 Jahre her. Doch die Wunden in der Familie sind nicht verheilt. Deutschland besuchen - ein Unding.

Vor wenigen Wochen erfuhr Meir Heli über Freunde in Jerusalem von dem Ahrweiler Judaismus-Forscher Matthias Bertram und dessen Buch "...in einem anderen Lande", das sich unter anderem mit den Familien Heymann und Bär aus Ahrweiler und deren Schicksal beschäftigt.Verwandte aus Israel, die im Herbst das Ahrtal auf Spurensuche besucht hatten, bestärkten Meir Heli darin, trotz Vorbehalten, die von Vater Manfred auf die Söhne übertragen worden waren, eine Reise nach Deutschland zu den Wohnorten und Gräbern der Vorfahren zu unternehmen. 

Das setzte Meir Heli trotz aller Bedenken um. Bedenken, weil alle Familienmitglieder gelobt hatten, "nie einen Fuß in das Land der Nazis zu setzen". Gemeinsam mit seinen Söhnen Isaac und Jacob nahm Meir Heli Kontakt zu Bertram auf und kam an die Ahr. Erster Anlaufpunkt war Dernau. Dort besuchten sie den alten jüdischen Friedhof, auf dem viele der Vorfahren der Familie Heymann (1790 bis 1862) beerdigt wurden. Und blickten vom Aussichtspunkt an der Straße nach Esch auf Dernau: Da schüttelte Meir Heli den Kopf: "Wie konnte das alles in einem so schönen Land passieren?" Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Station war auch das Heymann-Haus an der Teichgasse, das 200 Jahre im Besitz ihrer Familie  war und auch als Bethaus und Schule für die jüdischen Kinder diente. Ab 1864 verteilte sich die Familie Heymann auch auf Ahrweiler, Neuenahr und Siegburg.

Auch in Ahrweiler ging es für die Helis zunächst an die Familiengräber auf dem  jüdischen Friedhof an der Schützenstraße, zur alten Synagoge sowie an das ehemalige Haus  der Familie Heymann, Niederhutstraße 61, das 1906 von Urgroßvater Josef gebaut worden war.  Das war das Geschäftshaus, in dem Großmutter Cäcilia (Illa) Heymann zusammen mit ihren Schwestern Rosalie, Sophia, Bertha und Bruder Moses aufwuchs. Rosalie, Sophia und Illa wurden mit Teilen ihrer Familie deportiert und ermordet.

Großmutter Illa war nach ihrer Hochzeit mit Max Heli nach Siegburg gezogen. Sie schafften es 1939, ihre Kinder Manfred und Alice mit einem der letzten Kindertransporte nach England zu retten. Max und Illa wurden im Juli 1941 gezwungen, mit anderen in das Judenhaus in der Brandstraße 44 in Siegburg zu ziehen. Schriftwechsel mit ihren Kindern in England, der über das Rote Kreuz organisiert wurde, ist erhalten und wurde zum Teil von Bertram für sein Buch verwendet. 

Am 18. Juli 1942 wurden Max und Illa Heli über das Lager Much zu den Messehallen nach Köln gebracht und von dort nach Minsk deportiert. Ein Foto von diesem Tage, das dem Ahrweiler Forscher von Nachfahren zur Verfügung gestellt wurde,  zeigt wie der Koffer von Max Heli von einem Gestapo-Mann durchsucht wird. Meir hatte für Bertrams Dokumentationsarbeit aber auch ein Schreiben im Gepäck, das in seiner Familie gehütet wird wie ein Heiligtum. Es ist der letzte Brief, den seine Großeltern Max und Illa am Tag des Abtransportes aus Much über das Rote Kreuz an ihre Tochter Alice in England schrieben. Sie ahnten, was die Nazis mit ihnen vor hatten. "Geliebte Tochter! Hoffen Dich gesund, wir sind es auch. Am 20. Juli werden wir nach dem Osten abreisen und nicht mehr schreiben können. Behalte Mut und Gottvertrauen."

Manfred Heli, Jahrgang 1923, war übrigens nur kurz auf der britischen Insel. Der 16-Jährige wurde, weil er Deutscher war, als politisch nicht zuverlässig eingestuft und nach Australien verschifft. Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg in den neu gegründeten Staat Israel. (Günther Schmitt)