Ahrweiler Hochseilpark

Klettern gegen Angst und Depressionen

Wie an der Nabelschnur: Grenzerlebnis eines per Seil gesicherten Patienten im Ahrweiler Hochseilpark.

Wie an der Nabelschnur: Grenzerlebnis eines per Seil gesicherten Patienten im Ahrweiler Hochseilpark.

AHRWEILER. "Ich trau' mir nichts zu. Vor allem und jedem hab' ich Angst." Das sagt eine junge Frau, die gerade mal eben einen zehn Meter hohen Stamm hinaufgeklettert ist, eine Drahtseiltrasse passiert und sich dann abgeseilt hat.

Freitagmorgen im Ahrweiler Adenbachtal. Direkt unterhalb der 100 Jahre alten Brückenpfeiler der einstigen strategischen Bahnlinie herrscht reges Treiben im Hochseilpark. Diesen hat die Ahrweiler Ehrenwall-Klinik ganzjährig montags- und freitagvormittags gemietet. Seit zehn Jahren.

Von Anfang an ist Frank Rost dabei, Sozialpädagoge und Erlebnistherapeut mit Bergsteigerausbildung. Der 54-Jährige und seine Kollegin Judith Glöckner-Vennemann, 48 und ebenfalls ausgebildete Hochseilpark-Therapeutin, sind verantwortlich für das Klettern mit psychisch kranken Patienten, bei dem es eigentlich gar nicht ums Klettern geht. "Hier geht es um Grenzen, Herausforderungen und Ängste, um das Transportieren des Erlebten in den Alltag", sagt Rost, der schon 2000 Patienten zwischen 18 und über 70 Jahren durch den Seilpark geschleust hat.

Wobei das Diagnosespektrum für die Klettertherapie groß ist: Depressionen, Ängste, Persönlichkeitsstörungen. Letztere haben zwei junge Männer, die gestern den Therapeuten bei der Seilsicherung assistierten. Es sind Jungs von nebenan, die sich allerdings im Kontakt mit anderen und mit dem Leben schwer tun. Da soll der Kontakt im Seilpark helfen, Probleme und Ängste abzubauen.

Selbst gesichert, entwickeln sie Vertrauen, steigen in vier Metern Höhe über an Stahlseilen aufgehängte Autoreifen, entwickeln, verwerfen und ändern Strategien, wie man vom einen Ende zum anderen kommt. Wobei das Sicherungsseil durchaus etwas von einer Nabelschnur hat. Meinen auch die Jungs, denen man auf den ersten Blick Schüchternheit und Unsicherheit nicht anmerkt.

So sagt denn auch die Mitpatientin in den Dreißigern: "Das schlimmste war vorher das Kopfkino, was alles passieren könnte. Jetzt krieg' ich nicht genug davon." Wobei hinterher über das Erlebte zu sprechen, eigentlich wichtiger ist als das Klettern. Dann sind Grenzen ausgelotet, vielleicht auch überschritten worden, hat man sich vorgearbeitet.

Höhenangst? "Angst vor Höhe ist richtiger", sagt Rost. "Die geht meist auf ein unangenehmes Erlebnis zurück und hat sich im Körper festgesetzt, der dann mit Zittern und schlotternden Knien reagiert." Der "mitschleifende Aufstieg auf den Kölner Dom" gehöre dabei zu den Klassikern.

Das Kind wolle gar nicht, doch der Patenonkel fordere immer wieder: "Das schaffst du." Dadurch entstünden Ängste, die nur Schritt für Schritt zu überwinden seien. Einen echten Fall von Höhenangst, mit Panik und allem was dazugehört, hat Rost in zehn Jahren nur einmal erlebt: "Das war ein Testfahrer von Porsche."

"Wir machen das das ganze Jahr über. Auch bei Minusgraden", sagt Judith Glöckner-Vennemann. Was auch ein Lernprozess für den Alltag sei: "Bedingungen annehmen, wie sie sind, und nicht auf Bedingungen warten, die einem passen." Die Ahrweiler Klettertherapie ist mittlerweile in der psychiatrischen Literatur angekommen. Wissenschaftliche Aufarbeitungen des Hochseilparks finden sich in Bachelor- und Masterarbeiten, sind Themen bei Kongressen und Fortbildungen für Therapeuten.