Kinder und Jugendliche an Karneval

Jugendamt des Kreises Ahrweiler warnt vor Alkoholmissbrauch

Karneval und Alkohol: Bei dieser Kombination begeben sich auch im Kreis Ahrweiler viele Jugendliche auf ein gefährliches Pflaster.

Karneval und Alkohol: Bei dieser Kombination begeben sich auch im Kreis Ahrweiler viele Jugendliche auf ein gefährliches Pflaster.

KREIS AHRWEILER. Froh- und Leichtsinn seien an den närrischen Tagen oft eng verwandt, warnt das Jugendamt in der Ahrweiler Kreisverwaltung. Kinder und Jugendliche müssten an Karneval besonders geschützt werden.

Moni ist 18. Die Auszubildende feiert gern. Auch im Karneval. Doch sie hat ein Problem. Die „Filmrisse“ häufen sich. Grund ist ihr übermäßiger Alkoholkonsum. Denn vor jeder Fete, jedem Fest, jeder Karnevalssitzung wird privat „vorgeglüht“. Jemanden, der Alkohol nicht gewöhnt ist, würde das aus der Bahn werfen. Doch wer wie Moni schon acht Jahre regelmäßig trinkt, bei dem fallen 1,5 Promille in der Regel nicht auf. Mit einem „Feigling“ im Karnevalszug vor acht Jahren fing alles an – Moni ist alkoholkrank, unbemerkt von ihren Eltern. Einer von rund 1500 jungen Menschen in Rheinland-Pfalz, die exzessiv Alkohol konsumieren.

Alkoholvergiftung: 2016 kamen bundesweit 22 133 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus, 1,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit ist die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen erstmals seit 2012 wieder gestiegen. In Rheinland-Pfalz waren es mit 1425 Betroffenen 3,7 Prozent mehr. Da ist der Kreis Ahrweiler kein weißer Fleck in der Landschaft. Rund 30 junge AW-Bürger werden jährlich zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag vom Rettungsdienst ins Krankenhäuser gebracht: Vollrausch. Für vergleichbare Einsätze bei sonstigen Veranstaltungen im Jahreslauf gibt es kein Zahlenmaterial.

Experten fordern weitere Aufklärung über die Risiken des Rauschtrinkens, auch im Schulunterricht. „Das Rauschtrinken ist bei einigen Jugendlichen nach wie vor ein Problem. Dies zeigen die aktuell gestiegenen Behandlungszahlen bei Alkoholvergiftungen. Wir müssen die Jugendlichen weiterhin für die Gefahren eines übermäßigen Alkoholkonsums sensibilisieren“, sagt die Mainzer Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler. Die Landesregierung räume der Suchtprävention daher einen hohen Stellenwert ein. Rheinland-Pfalz hat deshalb die Suchtberatungsstellen in evangelischer, katholischer, kommunaler und freier Trägerschaft im vergangenen Jahr mit einem Personalkostenzuschuss in Höhe von rund fünf Millionen Euro gefördert.

Suchtberatungsstellen im Kreis: Im Kreis Ahrweiler gibt es eine Suchtberatungsstelle bei der Caritas im ehemaligen Ahrweiler Bahnhof. Zudem die Fachklinik Tönisstein in Bad Neuenahr, die nach eigenen Angaben bislang mehr als 30 000 Alkoholkranke erfolgreich behandelt hat. Im Kreis bestehen aber auch Selbsthilfegruppen für alkoholkranke Menschen. So die Kreuzbundgruppen in Bad Neuenahr, die sich durch Mitgliedsbeiträge tragen, und die Anonymen Alkoholiker in Ahrweiler und Bad Breisig, die sich ausschließlich über eigene Spenden finanzieren. Beide Vereinigungen erwarten gerade nach Karneval wieder einen Ansturm. „Dann sind Führerscheine weg. Dann merken viele erst, dass sie krank sind und ohne Hilfe keine Lösung finden“, so ein Kreuzbündler.

Viele Jugendliche unterschätzen sich

Plakatwettbewerb: Ministerin Bätzing-Lichtenthäler und die DAK-Gesundheit starten die Kampagne „bunt statt blau“ zur Alkoholprävention. Der Plakatwettbewerb für Schüler zwischen zwölf und 17 Jahren findet zum neunten Mal statt. Bundesweit sind 11 000 Schulen zur Teilnahme eingeladen. „Viele Jugendliche überschätzen sich und glauben, exzessives Trinken gehöre zum Feiern dazu. Wenn Zehnjährige betrunken in der Klinik landen, müssen wir handeln“, erklärt Michael Hübner von der DAK. „Schüler sollen über das Thema Alkoholmissbrauch aufgeklärt werden.“

Der Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung lobt „bunt statt blau“ seit Jahren als erfolgreiches und beispielhaftes Präventionsprojekt gegen den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen. Die Kampagne ist eingebunden in die „Aktion Glasklar“, die seit zwölf Jahren Schüler, Lehrer und Eltern über das Thema Alkohol aufklärt.

Das sagt das Jugendamt: Dennoch sei gerade vor Karneval weitere Aufklärung gut, findet das Jugendamt der Kreisverwaltung. Kinder und Jugendliche müssten an Karneval besonders geschützt werden. Froh- und Leichtsinn seien an den närrischen Tagen oft eng verwandt. Bei den Festen, in Discos und bei Partys lauerten durch den unkontrollierten Verkauf von alkoholischen Getränken Gefahren für Kinder und Jugendliche.

„Vor allem Handel- und Gewerbetreibende sowie Veranstalter müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein“, heißt es aus dem Kreishaus. Auch die Eltern stünden in der Pflicht. Sie sollten sich informieren, an welcher Veranstaltung ihr Kind teilnimmt und welches Programm angeboten wird. Sinnvoll sei die Anwesenheit von bekannten Erwachsenen. Und: Jugendliche sollten auf dem Heimweg begleitet werden, in der Gruppe nach Hause gehen oder sich ein Taxi nehmen.

Veranstalter müssen die Vorschriften des Jugendschutzgesetzes beachten. Darin sind das Rauchen und der Alkoholkonsum von Jugendlichen in der Öffentlichkeit sowie deren Anwesenheit bei öffentlichen Veranstaltungen geregelt. Der Besuch etwa von Karnevalsdiscos ist Jugendlichen unter 16 Jahren nur in Begleitung einer erziehungsberechtigten Person erlaubt. Auf die Begleitung eines Erziehungsberechtigten sind auch die Jugendlichen angewiesen, die bei öffentlichen Veranstaltungen länger als bis 24 Uhr bleiben möchten. Vorsicht geboten ist bei den Alcopops, die fälschlicherweise oft als harmlos eingeschätzt werden. Andere alkoholische Getränke wie Bier, Wein, Sekt oder Biermixgetränke dürfen an Jugendliche ab 16 ausgeschenkt werden. Die Abgabe von Alkohol an Kinder ist komplett verboten.

Das erste Glas stehen lassen: Moni hat den Weg in eine Selbsthilfegruppe gefunden. Und registriert, dass dort, anders als bei vielen Ärzten, Klartext geredet wird, der auf Erfahrung mit der Alkoholkrankheit und nicht auf Studiertem basiert: „Du hast die Wahl – sauf dich tot oder werde trocken. Du musst nur das erste Glas stehen lassen. Sag dir jeden Tag: Nur für heute will ich trocken sein. Nur für 24 Stunden. Dann funktioniert's.“ Wenn 200 Jahre Trockenheit im Saal sitzen und dazu nicken, dann muss da wohl was dran sein.

Kontakte zu Selbsthilfegruppen in der Region: kreuzbund-bad-neuenahr-ahrweiler.de; anonyme-alkoholiker.de; blaues-kreuz.de; guttempler.de.