Barrierefreiheit gefordert

Historische Pflastersteine in Ahrweiler sollen weichen

AHRWEILER. Sie sind jahrhundertealt, wurden von Kutschen und der Gleislosen befahren und auf ihnen hat Ludwig van Beethoven als Ferienkind in Ahrweiler gespielt. Die Rede ist von den historischen Pflastersteinen der Niederhut. Peter Josef Geller hat die „Köpfe“ des Ahrweiler Niederhutpflasters vor dem Schredder gerettet.

Sie darbten ein Leben im Untergrund, weil sie mit Asphalt zugeschüttet und von Autorädern überrollt wurden. Erst mit dem Bau der Fußgängerzone 1975 kamen sie wieder ans Tageslicht und wurden neu verlegt: die historischen Pflastersteine der Niederhut.

In den vergangenen 40 Jahren von den Fußgängern „rund“ gelaufen und als Stolperfallen und Absatzkiller alles andere als rollator-, rollstuhl- oder high-heel-freundlich, entschied die Stadt – auch mit Blick auf die Landesgartenschau 2022 und das Thema Barrierefreiheit – sie für 170 000 Euro auf Vordermann zu bringen (der GA berichtete). In Handarbeit von Bauarbeitern Stück für Stück per Diamantschleifer um rund vier Zentimeter „geköpft“, werden sie nun seit Monaten Quadratmeter für Quadratmeter als flache Basaltsteine in der Fußgängerzone wieder neu eingesetzt.

Die „Köpfe“ kommen als Abfall in den Schredder, werden zu Splitt zerkleinert und beenden ihr jahrhundertealtes Dasein als Unterbau für neue Straßenbauprojekte. Ein vernichtendes Urteil für ein Stück Ahrweiler Geschichte fand Peter Josef Geller, der sich mit dem endgültigen Schicksal des Kopfsteinpflasters „seiner“ Niederhut nicht abfinden wollte. Und so stellte der Baustoffexperte vom Kanonenwall rund 80 Tonnen oder 600 Quadratmeter Pflastersteine vor deren Zerstörung sicher und kaufte sie auf.

Stück Ahrweiler Geschichte gerettet

„Ich bin stolz darauf, dass ich ein Stück Ahrweiler Geschichte gerettet habe“, so der 48-Jährige, der ohnehin von historischen Steinen umgeben ist. Die Stadtmauer säumt nicht nur seinen Innenhof, sondern ist auch Bestandteil seines Wohn- und seines Badezimmers. Dort hat er seit Neuestem einige der geretteten Basaltsteine verarbeitet, ebenso in seinem Büro. Auf dem Schreibtisch liegen die „schwerwiegenden Bekenntnisse“ zur Heimatstadt mit dem Aufkleber „I love Ahrweiler“.

„Und das Tolle ist, die Bürger sind durch meine Bilder in Facebook oder Mundpropaganda so begeistert von meiner Rettungsaktion, dass sie selbst viele neue Ideen zur Verwendung des Kopfsteinpflasters entwickeln“, sagt Geller, der 1994 Junggesellen-Schützenkönig war und sich dadurch „als ehemaliger König aller Huten“ auch den anderen Straßenzügen verbunden fühlt. Der eine möchte mit dem geschichtsträchtigen Basalt die Wand hinter dem Ofen verkleiden, ein anderer den Sockel des Hauses oder die Umrahmung eines Fensters gestalten. Wieder einer möchte im Frühjahr einen Bachlauf im Garten oder einen Weg gestalten. Manch einer nimmt einen Solostein als Unterlage für eine Kerze oder Weinflasche, wieder ein anderer verschönert eine Wand im Weinkeller mit den „Niddehöde“- Steinen.

Er selbst verschenkt sie zu besonderen Anlässen. Seine Tante Ulla Kehr bekam den Pflasterstein, den Geller auf der Rückseite mit der Aufschrift „Ich lege Dir ein Stück Ahrweiler zu Füßen“ beschriftete, zum Geburtstag. Das Ahrweiler Prinzenpaar Marlene I. und Rolf I. Seeliger ist nun auch „steinreich“, und Michael Groß möchte seinem Opa, dem Ahrweiler Original Peter Palm, einen „Gedenkstein aus der Niederhut“ aufs Grab legen. Geller macht die „toten Steine“ für die Nachwelt ein Stück weit lebendig.