Bad Neuenahrer Mehrgenerationenhaus

Gut besuchte Veranstaltung zum Thema "Autofahren und Demenz"

Ältere Kraftfahrer weisen ein hohes Sicherheitsdenken auf.

BAD NEUENAHR. Sein Auto hat zahlreiche Kratzer und Beulen. Aber Hermann Hassenpflog bezeichnet das alles nur als "Schrammen" und hat für jede einzelne eine Erklärung.

Dass er nicht mehr fahrtüchtig sein könnte, kommt für den 86-Jährigen nicht in Betracht: "Wenn ich nicht mehr könnte, würde ich schon von mir aus sagen, es ist Schluss." Dabei sieht er offensichtlich schlecht, kann sich nicht mehr richtig umdrehen, der Sohn will die beiden jüngsten Enkel nicht mehr mit ihm fahren lassen, und der ältere Enkel sagt: "Opa fährt immer ziemlich weit rechts. Das macht mir Angst."

Um "Autofahren und Demenz", aber nicht nur um Demenzkranke, sondern auch um Ältere und Autofahren allgemein, ging es bei einer gut besuchten Veranstaltung des Caritas-Fachzentrums Demenz im Bad Neuenahrer Mehrgenerationenhaus.

Hermann Hassenpflogs Beispiel im Film war eines für viele, wie sie auch im Kreis Ahrweiler vorkommen. Im Durchschnitt wöchentlich erreichten sie entsprechende Anrufe etwa von Familienmitgliedern, die nicht wüssten, wie sie einen nicht mehr fahrtüchtigen Angehörigen vom Fahren abhalten könnten, erklärt Ingrid Föhring von der Zulassungs- und Führerscheinstelle bei der Kreisverwaltung Ahrweiler.

Die Zahl der Fälle steige rasant. Wie die zweite Referentin des Abends, Anne-Simone Glodowski, Klinische Neuropsychologin am Marienhaus Klinikum/Geriatrisches Zentrum, ausführte, liege das auch an der stark zunehmenden Zahl älterer Kraftfahrer: Bei den über 80-Jährigen hätten heute bereits nahezu alle Männer den Führerschein, bei Frauen vervierfache sich die Zahl in den nächsten 15 Jahren von 20 auf 80 Prozent. Die Referentinnen stellten heraus, wie sensibel das Thema Mobilität ist, dass viele Ältere sich abgeschoben und unterfordert fühlen, das Autofahren ihnen aber das Gefühl der Teilhabe am "wirklichen Leben" gibt.

Zugute zu halten sei älteren Kraftfahrern etwa, dass sie eine hohe Fahrroutine und ein hohes Sicherheitsdenken aufwiesen und defensiv führen, allerdings sähen und hörten sie oft schlecht, nähmen wegen diverser Krankheiten die Fahr- und Reaktionsweise beeinträchtigende Medikamente und könnten sich schlecht bis gar nicht an plötzlich veränderte Gegebenheiten und Neuerungen anpassen.

Besonders viele Fehler passierten beim (Links-) Abbiegen und "Autofahren ist mehr als Sehen und Reaktionszeiten", stellte Glodowski fest. Zudem seien speziell Demenzkranke oft uneinsichtig, weil das zum Krankheitsbild gehöre. "Eine Demenz im frühen Stadium geht nicht zwingend mit dem Verlust der Fähigkeit einher, ein Kraftfahrzeug zu führen, aber langfristig führt jede Demenz zum Verlust der Fahreignung", sagte Glodowski.

Föhring sah ein besonderes Problem darin, dass sich oft weder Betroffene noch die Familie meldeten, um den Familienfrieden zu bewahren, "Schließlich ist die Situation schon schwer genug", es auch keine ärztliche Meldepflicht gebe und viele Fälle erst durch Unfallberichte der Polizei auffällig würden.

Wichtig war ihr, dass Mobilität in unserer Gesellschaft ein hohes Gut ist und keinem nur wegen seines Alters und selbst bei mehrere Bagatellunfällen die Fahrerlaubnis entzogen würde. Für Fahren "in Schlangenlinien" oder Orientierungslosigkeit gebe es oft auch andere gesundheitliche Gründe (etwa Unterzuckerung). Deshalb sei ein erster Schritt in allen Fällen meist erst einmal eine Fahrprobe beim Fahrlehrer auf freiwilliger Basis. Die könne sie auch anordnen, ebenso wie ein fachärztliches Gutachten.

Aber auch Glodowski riet verzweifelten Angehörigen erst einmal, den Betroffenen zu einer Probestunde beim Fahrlehrer zu bewegen, denn "diese Generation hört noch auf Dritte". Werde die Fahreignung bei einem Demenzkranken bestätigt, könne man die Fahrprobe immer wieder, etwa halbjährlich oder jährlich, wiederholen lassen oder einschränkende Auflagen machen (etwa, dass jemand nur noch zu bestimmten Tageszeiten oder gleiche Strecken fahren dürfe).

Drei weitere Ratschläge nahmen die Zuhörer mit auf den Weg: Die Problematik der Fahrtüchtigkeit sollte bei Demenzkranken so früh wie möglich angesprochen werden, um so früh wie möglich auf einen Fahr-Verzicht hinzuwirken.

Dabei gäben Behörden, Ärzte und Fahrschulen Hilfe, die sich bei der Frage "Autofahren und Demenz" nach dieser ersten Infoveranstaltung auch noch weiter vernetzen wollen. Und: Wenn ein Betroffener nicht mehr fährt, sollten Angehörige weiter für Mobilität sorgen. Dazu gebe es auch im Kreis Senioren-Bedarfs-Services. Allerdings bleibe auf diesem Sektor insgesamt noch viel zu tun, gerade im ländlichen Gebiet.