"Unsere liebenswerte Stadt"

"Es geht doch um unser Erbe"

Das Palasthotel am "Platz an der Linde" ist längst gesichtslosen Bauten gewichen, die heute die Innenstadt prägen. FOTO: KREISBILDSTELLE

Das Palasthotel am "Platz an der Linde" ist längst gesichtslosen Bauten gewichen, die heute die Innenstadt prägen.

BAD NEUENAHR. Initiative tritt für den Erhalt alter Bausubstanz ein. Zahlreiche Interessierte im Hotel Krupp.

"Das ist doch unsere Erinnerung, das ist doch unsere Geschichte!" sagt Markus Hartmann, Sprecher der Bürgerinitiative "Unsere lebenswerte Stadt", wenn er auf alte und einstige Bauten in der Kur- und Badestadt zu sprechen kommt. Gemeinsam mit Mitstreitern möchte er seinen Teil dazu beitragen, möglichst viel alte Bausubstanz und damit das Gesicht der Stadt zu erhalten. "Es geht um unser Erbe", meint er. Um so mehr rücken die derzeit massiven und nicht unumstrittenen baulichen Veränderungen in der Badestadt und in Ahrweiler in den Blickpunkt des Interesses der Bürgerinitiative. Nun traf man sich, um sich in einem Lichtbildervortrag und bei einem anschließenden Stadtrundgang alter, hochherrschaftlicher Gebäude zu widmen.

"Eine Stadt, die sich nicht weiterentwickelt, erstarrt zu einem Freilichtmuseum. Eine Stadt, die ohne Rücksicht auf ihre Geschichte eine Baupolitik der Abrissbirne betreibt, verliert ihre Wurzeln. Wo also verläuft der schmale Grat zwischen gelingender Stadtbaupolitik und Desaster?", fragt die Initiative.

Heinz Schönewald, Heimatkundler, gab in einem Lichtbildervortrag Einblicke in die Entwicklung der Baugeschichte von Bad Neuenahr und zeigte auf, wie sich dies Ensemble der Winzer- und Bauerndörfer zur Heilbadstadt gemausert hat. Axel Hausberg griff im Anschluss bei einem Stadtrundgang exemplarisch Fassaden der Gründerepoche heraus, gab Einblicke in die Geschichte der Häuser und ihrer Zeiten, stellte Erhalt oder Vorschläge zu baulichen Anpassungen an die Zeit zur Diskussion. Die von der Initiative durchgeführte "Sehschule" wurde von fast 50 Besuchern im Hotel Krupp wahrgenommen. Auch am anschließenden Stadtrundgang beteiligten sich zahlreiche Interessierte.

Ob "Hof von Holland", "Kaiserhof", "Hotel Flora", "Hotel zur Traube", ob "Rheinischer Hof" oder "Walburgis-Stift" - die alten Prunkbauten und Villen zeigten die Blütezeit der Stadt um die Jahrhundertwende eindrucksvoll auf und machten deutlich, wie sehr sich die Stadt in den Folgejahren mit ihren gesichtslosen Neubauten verändert hat. Am Beispiel "Alter Markt" oder an der Telegrafenstraße wurde dies besonders deutlich. Der prunkvolle "Kaiserhof" ist dem Zweckbau des Kaufhauses "Moses" gewichen, die Volksbank baute einen aus damaliger Sicht modernen Bau am Standort der Dependance des Grand-Hotels "Flora".

Auch heute sei der Bad Neuenahrer Stadtkern noch von den zahlreichen alten Bauten der Gründer- und Jugendstilzeit geprägt, erklärte Architekturfotograf Axel Hausberg auf seinem Stadtrundgang. Er zeigte jedoch an einigen Beispielen auf, wie Fassaden im Laufe der Jahrzehnte verschandelt worden seien. Statt der ursprünglichen Rundbogenfenster habe man flache quadratische Kunststofffenster eingebaut, hochherrschaftliche Portale seien zugemauert worden und Schaufensterflächen zum Opfer gefallen. "Einige Häuser haben komplett ihr Gesicht verloren", bedauerte Hausberg.

Die Bürgerinitiative "Unsere lebenswerte Stadt" hat sich im vergangenen Juli im Barocksaal des ehemaligen Hotels Westend gegründet. Sie möchte gemeinsam mit Bauherren, Bürgern und Behörden eine sensible und zukunftsweisende bauliche Entwicklung der Stadt Bad Neuenahr vorantreiben.

Sprecher Markus Hartmann: "Dabei setzen wir auf ein bereicherndes Miteinander aller, die die Stadt gestalten, auf Transparenz von Entscheidungen und Entwicklungen und offenen Austausch." Klar sei aber auch, dass man nicht "jede Hütte um jeden Preis erhalten will".

Der Austausch soll nun in verschiedenen Arbeitskreisen fortgesetzt werden. Zum einen in der "Sehschule", oder auch in den Gremien "Stadtgrün", "Netzwerk" oder "Zukunftsmodelle". Eifrig trugen sich im Hotel Krupp an der weiteren baulichen Entwicklung der Stadt interessierte Bürger in die Listen ein.