Altersarmut in Bad Neuenahr

Die Zahl der Bedürftigen steigt

Eine Rentnerin geht durch eine Fußgängerzone.

BAD NEUENAHR. Sie ist unsichtbar, aber sie ist da - auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo sich begüterte Senioren gerne niederlassen und viele Wohnungen mit gehobener Ausstattung für Ruheständler gebaut werden: die Altersarmut. Deshalb war sie auch Thema im Seniorenbeirat der Kreisstadt.

"Meine Erfahrung ist, dass gerade die Senioren mit einer Auffassung wie ?Ich geh doch nirgendwo betteln' sich oft quälen und selten Alarm schlagen, aber dass es eben diese verarmten oder mit knappen Mitteln auskommen müssenden Senioren in unserer Stadt auch gibt", stellte die Seniorenbeiratsvorsitzende Elisabeth Graff fest.

Von mehr als 300 Fällen sprach Dirk Reuter vom Sozialamt der Kreisstadt, darunter einige Erwerbsgeminderte, aber ganz überwiegend Über 65-Jährige, die allein das Sozialamt betreue: "Dazu kommen in den vergangenen Jahren jeden Monat drei bis vier Fälle mehr." Aber das sei vermutlich nur die "Spitze des Eisbergs" merkte Hauptreferentin Marion Eisler-Bodtenberg vom Diakonischen Werk an, die auch aus ihren Tätigkeiten bei der Tafel und beim Betreuungsverein sprach: "Über beide Arbeitsgebiete habe ich so viel Einblick in Armut, dass es mir manchmal Weh und Ach ist."

Die Betroffenen lebten nämlich versteckt, auch weil sie sich schämten. Dabei würden die Bedürftigen mehr, und das Armutsrisiko sei in den vergangenen zehn Jahren generell immens gestiegen und steige weiter: "Bis vor wenigen Jahren war versichert, wer SGB II-Leistungen, also Arbeitslosengeld, bezog. Doch die Abgaben an die Rentenversicherungsträger sind eingestellt worden.

Wir werden in den nächsten Jahren einen großen Batzen Altersarmut kriegen, weil diese Menschen, die keine Arbeit finden, automatisch in die Grundsicherung geraten." Das bedeute 391 Euro monatlich für Alleinstehende plus Miete und "angemessene Heizkosten". Aber die Höhe der Miete sei begrenzt, und für eine Person dürften maximal 50 Quadratmeter genommen werden, sagte Eisler-Bodtenberg und kritisierte zugleich, dass es keinen sozialen Wohnraum mehr gebe: "In diesem Stadtgebiet entsteht eigentlich nur noch Wohnraum für Upper Class."

Abgeschafft worden seien auch die "einmaligen Beihilfen", also mögliche Zuschüsse für Bedürftige für Brillen, Kleidung, Haushaltsgegenstände oder Möbel. In Sozialkaufhäusern gebe es zwar etwa Kühlschränke, aber das seien oft "Stromfresser", und der Strom sei nicht in der Grundsicherung enthalten. Manche Betroffene gingen sogar nicht mehr zum Arzt, weil sie sich Fahrtkosten oder Medikamentenzuzahlungen nicht leisten könnten. Scham führe oft zum Rückzug aus der Gesellschaft und dazu, dass Ansprüche auf Grundsicherung nicht geltend gemacht würden.

Manche wissen laut Eisler-Bodtenberg nicht, welche Ansprüche sie haben und wie sie diese geltend machen sollen. Neben der materiellen gebe es die soziale Armut: "Weil Menschen oft mit ihrem Partner als einziger Bezugsperson hierher gezogen sind. Wenn der Partner stirbt und sie nicht in irgendeiner Gruppierung waren, fallen sie nicht mehr auf."

Was gegen Altersarmut zu tun sei, war ebenfalls Teil des regen Austauschs bei der Seniorenbeiratssitzung. Sachpatenschaften für konkrete Anschaffungen waren eine viel begrüßte Möglichkeit. Ebenso mehr Vernetzung, gerade auch zwischen Institutionen. Genannt wurde auch die Gründung einer Stiftung für arme Mitbürger. Da auch dazu Geld benötigt werde, seien Menschen in der "ja doch irgendwo reichen Kreisstadt" zu finden, die vielleicht kein Ehrenamt leisteten, aber stattdessen finanzielle Mittel einbringen könnten.