Inteview mit Ulla Lachauer

Die Dokumentarfilmerin über die Seherin vom Rhein

KREIS AHRWEILER. Das WDR-Fernsehen sendet am Freitag, 21. März, 23.15 Uhr, den neuen Film "Buchela. Die Hellseherin vom Rhein" von Ulla Lachauer. Mit der Dokumentarfilmerin sprach Hildegard Ginzler.

Wie sind Sie auf diese schillernde Persönlichkeit gekommen und was hat Sie an ihr gereizt?
Ulla Lachauer: Per Zufall, in der Fußnote eines Buches über die Bonner Republik, und ich dachte sofort: Das wäre ein Thema für mich! Meine WDR-Redaktion war auch begeistert. Mich reizte, die einst berühmte Hellseherin wiederzuentdecken und Menschen aufzuspüren, die bei ihr Rat gesucht haben. Und noch mehr, die unbekannte Vorgeschichte dieser Frau zu erforschen, die sich selbst eine "Zigeunerin" nannte und behauptete, sie sei unter einer Buche geboren. Ihre Kindheit im Saarland, ihre Jahre als Hausiererin im Rheinland. Wie überlebte sie die Nazi-Zeit? Die Buchela war ein Mensch, der in zwei Welten lebte - wie war das für sie?

Welche Facetten der Buchela werden den Zuschauern im Film begegnen?
Lachauer: Wir zeigen ihre Anfänge, ihren gesellschaftlichen Aufstieg, Glamour und Tragik, bis zum Lebensende. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort, und jeder sieht sie anders: die Frau, die mit Liebeskummer zu ihr kam, der Mann, dem sie beruflich geholfen hat. Leute, die mit ihr Karneval gefeiert haben. Marika Kilius erzählt von Buchelas Prognose vor der Eislauf-WM 1964. Zwei Journalisten nehmen Stellung zu der Frage, inwieweit die Buchela in der Bonner Politik mitgemischt hat. Walter Heynowski, der DDR-Filmemacher, sagt, sie habe die Strippen gezogen, Friedrich Nowottny hält das für Unfug. Sehr spannend finde ich die Sicht der Verwandten der Buchela, ihrer Nichte Helène Merstein, und ihres Großneffen, des Geigers Markus Reinhardt, der übrigens auch einen Teil der Musik zu unserem Film gemacht hat.

Sie haben sich bisher mit bodenständigen Menschen, die Sie persönlich kennenlernten, befasst. Worin lag die Herausforderung, über eine Verstorbene mit angeblich übersinnlichen Fähigkeiten zu recherchieren?
Lachauer: Ich selbst würde nie zu einer Hellseherin gehen. Was in den Buchela-Kalendern zu lesen ist, auch Vieles in den "Memoiren", die ein anonymer Ghostwriter verfasst hat, halte ich für Humbug und geschäftliches Tamtam. Aber ich denke, die Buchela hatte gute Instinkte und sehr viel Menschenkenntnis, bei ihrem Gegenüber etwas Verborgenes aufzuspüren. Das hatte vielleicht mit dem Leben in der Natur zu tun, mit Verfolgung und Außenseitertum.

Hat sich Ihr ursprüngliches Film-Konzept während der Nachforschungen verändert?
Lachauer: Es war eine sehr aufwendige Recherche. Der Film hat sich viel stärker ins Milieu der Sinti begeben als anfangs geplant. Schmalfilme aus der Karnevalssaison 1972 haben mir Einblick in die Remagener Gesellschaft verschafft: In diesem Jahr ist Buchelas Neffe Wolfgang Merstein Prinz, ein Sinto, ein Homosexueller, ein Krimineller - ein Riesenskandal.

Was vom gesammelten Material kam zuletzt in den Film und was nicht?
Lachauer: Aus einer Fülle, dem Wirrwarr von Material muss eine Erzählung entstehen. Wenn es zwei Interviews mit ähnlichen Aussagen gibt, dann fliegt eines raus. Man sucht natürlich nach Rosinen: die Äußerungen des Polizisten, der die Buchela extrem kritisch sieht. Die innigen Bilder von einer Wallfahrt der Sinti im Saarland. Oder lustige Szenen rund um das Remagener Buchela-Haus aus dem DDR-Film "Geisterstunde". Allmählich entwickeln sich Leitmotive, rote Fäden: Buchelas Augen. Buchelas Traumatisierung. Buchelas Spagat zwischen zwei Welten.

Sind Sie an Grenzen des Erforschbaren gelangt oder wären Folgeprojekte über die Hellseherin lohnend?
Lachauer: Die Schriftstellerin Monika Littau hat sich kürzlich an diesem Stoff versucht, einen interessanten "Biografie-Roman" geschrieben. Die Quellen sind da, manches ist reichlich überliefert, manches sehr fragmentarisch. Ich würde mir wünschen, dass Zeithistoriker die Buchela endlich wahrnehmen, aber auch die Verbände und Vereine der Sinti. Für mich persönlich war bei der Filmarbeit das Wichtigste: in der Person der Buchela ein wenig zu begreifen, wie Sinti und "Gadsche" im 20. Jahrhundert zueinander standen.

Wie sehen Ihre zukünftigen Pläne aus?
Lachauer: Unter anderem werde ich einen Film über Sinti und Roma in Deutschland machen. Noch einmal und hoffentlich tiefer in diese erstaunlich fremde Welt mitten in Deutschland eintauchen. Darauf freue ich mich sehr.

Zur Person

Ulla Lachauer, geboren 1951 in Ahlen/Westfalen, lebt als Publizistin und Dokumentarfilmerin in Stuttgart. In Gießen und Berlin studierte sie Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft. Als erfahrene Rechercheurin ist Ulla Lachauer bekannt geworden durch ihre zahlreichen Filme und Bücher über Ostpreußen. Für ihren Mut, auch politisch unliebsame Themen aufzugreifen, erhielt sie 2012 den Barbara-Künkelin-Preis der Stadt Schorndorf.