"Tourismus für alle"

Barrierefreiheit für Touristen im Ahrtal

KREIS AHRWEILER. Die Touristiker im Ahrtal setzen auf das Potenzial der Barrierefreiheit. Möglich macht es ein Wettbewerb des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau.

Ein tief eingeschnittenes, schmales Tal, steile Berge, terrassierte Wingerte, historische Orte. Die Voraussetzungen für barrierefreien Tourismus im Ahrtal scheinen auf den ersten Blick nicht gerade günstig. Und doch gilt der Barrierefreiheit derzeit ein Hauptaugenmerk der Touristiker im Ahrtal. Der Grund: „Die touristische Wertschöpfung. Das ist der Bereich, in dem noch am ehesten Zuwächse zu erreichen sind“, sagt Maximilian Scholl, der seit einem Jahr als Koordinator für das Projekt „Tourismus für alle“ beim Ahrtal-Tourismus Bad Neuenahr-Ahrweiler tätig ist.

Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler ist gemeinsam mit der Stadt Sinzig und der Verbandsgemeinde Altenahr eine von zehn Modellregionen in Rheinland-Pfalz, die sich beim landesweiten Wettbewerb „Tourismus für alle“ des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau bis Ende 2020 den Zugriff auf Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gesichert hat. Mit deren Hilfe sollen vernetzte barrierefreie Angebote im Tourismus geschaffen werden.

„Rund zehn Prozent der Menschen in Deutschland sind behindert“, sagt Scholl. Erhebungen, wie hoch deren Anteil an den Übernachtungsgästen oder überhaupt Touristen im Ahrtal ist, gebe es nicht. Aber Barrierefreiheit komme sowieso nicht nur diesen Menschen zugute. Zielgruppen sind neben Gehbehinderten und Rollstuhlfahrern auch Sehbehinderte und Blinde, Gäste mit kognitiven Einschränkungen und Gäste mit Ernährungseinschränkungen wie Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten sowie überdies Familien mit Kindern, Gäste mit schwerem Gepäck oder Senioren.

Fördermittel aus Europäischem Fonds

Neben den vielleicht schwierigeren geografischen Gegebenheiten in Sachen Barrierefreiheit gebe es etwa wegen des hohen Anteils an Senioren in Bad Neuenahr auch einige bessere Voraussetzungen für Barrierefreiheit als anderswo: abgesenkte Bordsteine, Kliniken, Kooperationen von Hotels mit Sanitätshäusern in Sachen Hilfsmittel-Versorgung oder Taxiunternehmen, die auch Rollstühle transportieren.

Als in diesem Jahr in der Ahrweiler Altstadt Straßenpflaster saniert respektive deren Fugen aufgefüllt wurden, war damit nicht nur Rollator-Nutzern, sondern auch Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten geholfen, und Kinderwagen und Rollkoffer „ruckeln“ seither nicht mehr so. Dafür wurden alle historischen Basaltsteine aus dem Pflasterbett geholt und jeweils mehrere Zentimeter glatt abgeschnitten, um eine saubere und befahrbare Oberfläche zu erhalten. Eine Aktion, die sich die Kreisstadt an der Ahr einen sechsstelligen Betrag kosten ließ.

Das Bronzerelief vor dem Südportal der Ahrweiler Laurentiuskirche ist nicht nur für Blinde ein ertastbarer Stadtplan der historischen Altstadt, es gibt auch Sehenden, vielfach auch Kindern, anschaulich einen Überblick über die Anordnung der Tore und Türme der Stadtmauer und weiterer markanter Gebäude. Und wenn eine scharfe Kurve des Ahr-Radwegs bei Walporzheim verbreitert wird, weil unter anderem für E-Handbike-Fahrer der Wendekreis sonst nicht ausreicht, dann würde das auch die Sicherheit für andere Radler dort erhöhen. „Tourismus für alle heißt auch Komfort für alle“, sagt Scholl.

Auch Bedürfnisse von Diabetikern und Allergikern im Blick

Das Jahr 2018 ist für Scholl in seinem ersten Jahr als Projektkoordinator ein „Planungsjahr“ gewesen. Antragstellungen auf Fördermittel und Umsetzungen sollen folgen. Der Kommunikation gilt einer der Schwerpunkte. Dazu gehören barrierefreie Infos auf Internetseiten und in Printmedien. Der Veranstaltungskalender des Ahrtal-Tourismus für 2019 ist mit Piktogrammen für die verschiedenen Zielgruppen versehen und weist 29 von 52 Veranstaltungen als barrierefrei aus: vom Ahrweiler Weihnachtsmarkt bis zu den Weinfesten in Heimersheim und Dernau.

Im Fokus stehen zudem „Audioguides“ im Sinne von frei zugänglichen Datenbanken oder einer speziellen App, um einen Zugang zu den Ahrtal-Attraktionen für Sehbehinderte zu schaffen. Unter dem Stichwort „Ahrtaler Genussküche für jeden“ sollen auch die Bedürfnisse von Diabetikern und Allergikern etwa durch Seminare für Hoteliers und Gastronomen stärkere Berücksichtigung finden. „Gästeführungen für alle“ sollen zudem durch Schulung von Gästeführern mehr Besucher mit Mobilitätseinschränkungen, Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Senioren und Kinder einschließen.

Umgesetzt werden sollen bauliche Maßnahmen wie barrierefreie öffentliche WC-Anlagen genauso wie eine Sensibilisierung aller Beteiligten im Tourismus, neue Angebote und eine komplette „touristische Servicekette“ von der Information für den behinderten Gast vorab, über Anreise, Übernachtung, Verpflegung, Sightseeing, Unterhaltung, Parken, Gepäckbeförderung, ausreichend breite Wege und Aufenthaltsorte mit geeigneten Bodenbelägen bis hin zu gut lesbaren Speisekarten. Weil gerade Gäste mit Einschränkungen detaillierte und verlässliche Informationen benötigen, ist eine Zertifizierung von Betrieben nach dem bundesweiten Kennzeichnungssystem „Reisen für alle“ möglich.