Das geheimste Bauwerk der Republik

36 Jahre lang musste er schweigen

AHRWEILER. Er war der Mann, der im Regierungsbunker an der Ahr das Licht ausgemacht hat. Es war am Freitag, 28. April 2006, als Paul Groß den Ausweichsitz der Verfassungsorgane verließ. Dienstschluss nach 36 Jahren in 17 Kilometern angeblich atombombensicheren Betonröhren unter dem Ahrgebirge. Heute wird Paul Groß 75.

Er war der Mann, der im Regierungsbunker an der Ahr das Licht ausgemacht hat. Es war am Freitag, 28. April 2006, als Paul Groß den Ausweichsitz der Verfassungsorgane verließ. Dienstschluss nach 36 Jahren in 17 Kilometern angeblich atombombensicheren Betonröhren unter dem Ahrgebirge. Heute wird Groß 75.

Dass er noch einmal aus dem Bunker verabschiedet wird, und das fast auf den Tag zehn Jahre später, davon hätte Groß 2006 nicht zu träumen gewagt. Auch nicht davon, dass er, der seit 2004 alleiniger Herr der Stollen gewesen war, durch seine Arbeit und das Beiseiteschaffen von technischen Anlagen wie der Apparaturen des einstigen Kontrollzentrums oder des Sanitätsstollens den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte gelegt hat.

Denn niemand kennt das früher „geheimste Bauwerk der Republik“ so gut wie der einstige technische Leiter der Zentralwerkstatt, der mit einer 140 köpfigen Wartungsmannschaft dafür sorgte, dass alles für den Ernstfall gerichtet war. Groß war seit der Eröffnung 2008 der fachkundigste Führer in der mittlerweile von 600 000 Besuchern frequentierten Dokumentationsstätte Regierungsbunker. Die von ihm in Garagen am einstigen Haupteingang vor der Müllhalde geretteten Exponate sind heute Kernstücke des Bunkermuseums.

Seit 2008 berichtete Groß Besuchern darüber, was Ehefrau Regina erst nach seiner Pensionierung von ihm erfahren hat. Sie wusste nur: „Mein Mann arbeitet im Bunker.“ Was und mit wem, darüber musste der Metallbauer mit Meisterbrief eisern schweigen. „Das Schlimmste war für mich jedoch, dass ich wusste: Wenn der Ernstfall eintritt, bin ich hier im Bunker sicher, aber meine Familie unten in Ahrweiler nicht“, erinnert sich Groß im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Der Tag X kam nie. „Das war ganz großes Glück“, sagt Groß. „Denn sonst würde hier im Tal wohl kein Mensch mehr leben.“ Wie an gestern erinnert sich Paul Groß an seinen ersten Arbeitstag. Das war Mittwoch, 1. Juli 1970. „Ich wurde für die Wartung der Verschlüsse eingesetzt, kümmerte mich also um alle Deckel, Jalousien und Türen.“

Während Groß an diesem Tag im heutigen Relikt des Kalten Krieges verschwindet, veröffentlichen ein Magazin und „Bild“ die geheimen „Bahr-Papiere“ und damit die von Egon Bahr in Moskau ausgehandelten Leitsätze für den deutsch-sowjetischen Gewaltverzichtsvertrag. Der Ost-West-Konflikt ist Alltag, genau wie der Umgang damit. Auch für Groß: „Jeder Tag begann mit einer Einsatzbesprechung. Anschließend wurden die Überprüfungen an allen Verschlüssen der Außenbauwerke vorgenommen. Auch die der wenigen kleinen Fenster, die mit dicken Stahlschotten versehen waren.“ Die Fenster am Eingang mit den tonnenschweren Türen gibt es heute noch. Nur die Scheiben sind blind geworden.

Und „blind“ mussten Groß und sein Team sein, wenn es um Teilnehmer der großen Frühjahrs-Stabsübungen im Bunker ging. Niemand durfte berichten, dass er Verteidigungsminister Helmut Schmidt oder Björn Engholm gesehen hatte oder dass Helmut Kohl auf dem Hubschrauberlandeplatz angekommen war, um dann weiter ins Ahrtal zu fahren. Alles streng geheim. Wie auch die Post, die nach Planspielen mit Positionen wie „Bundeskanzler übungshalber“ aus den Ministerien kam. „Die dankten uns für unsere Arbeit. Darauf waren wir stolz.“

Er erinnert sich, dass Ministerialbeamte und Militärs „sparsam“ waren: „In der Bunkerkantine kostete damals die Flasche Bier zwei Mark. Da haben sich die Übungsteilnehmer, die ja während der gut zwei Wochen nicht aus den Röhren rauskamen, an uns Techniker gehalten.“ Die „Bierdealer“ seien dazu im Wasserwerk des Bunkers aktiv gewesen, hätten ihre liebe Not gehabt, den Durst der Ministerialen zu stillen. Auch wenn draußen am Haupteingang Marienthal Demos gegen die Cimex/Wintex-Übungen der Nato liefen. Nur ein Grinsen hat Groß für „Märchenerzähler“, die mal auf der Bonner Hardthöhe gearbeitet haben und heute als Besucher der Doku-Stätte berichten, sie hätten den Eingang Hardtberg im Verteidigungsministerium gekannt.

Zwar gab es einen Bunkereingang dieses Namens, der lag allerdings in Dernau. Denn dort gibt es auch einen Hardtberg. Die Mär vom Tunnel bis Bonn wurde Zeit des Bunkerbetriebs aber auch von der ostdeutschen Stasi geschürt. Darauf hereingefallen ist damals auch, für das Magazin „Der Spiegel“, Michael Preute, heute besser bekannt als Eifel-Krimi-Autor Jacques Berndorf. Kleine Geschichten eines bescheidenen Mannes, dem gestern Museumsleiterin Heike Hollunder mit ihrem Team samt den Vertretern des Museumsträgers, des Heimatvereins Alt-Ahrweiler um Wilbert Herschbach, einen großen Bahnhof bereitete. Paul Groß hat nach nunmehr 44 Jahren das Kapitel Bunker für sich geschlossen. Von seinen alten Unterlagen, die er bei der Schließung gerettet hat, werden künftige Bunkerführer partizipieren. Nur O-Töne des einstigen technischen Leiters wird es bei der „Zeitreise in den Kalten Krieg“ nicht mehr geben.