Weinlese an der Ahr

„Mit dem spitzen Scherchen arbeiten“

Kreis Ahrweiler. Bei der Weinlese an der Ahr werden pro Tag 40.000 bis 50.000 Kilo Trauben an den Annahmestellen angeliefert, samstags sind es sogar bis zu 100.000 Kilo.

In den Wingerten der Ahr ist die Weinlese gestartet. Nach den weißen Trauben Müller-Thurgau mit stattlichen 76 Öchslegraden und dem Frühburgunder sind jetzt Portugieser und die Traditionsrebsorte Spätburgunder an der Reihe. Die Traubenannahmestellen der Dagernova–Genossenschaft in Dernau und Bad Neuenahr arbeiten auf Hochtouren. Aktuell in den Transportschnecken landen in Bad Neuenahr Portugiesertrauben, in Dernau die Traditionsrebsorte Spätburgunder.

Günter Schüller pendelt hin und her. „Qualitätskontrolle“, sagt der 53-Jährige, der seit 1998 Kellermeister der 600 Mitglieder zählenden Genossenschaft ist. Seit 16 Jahren gehört er dem Vorstand und der Geschäftsleitung an, hat aber auch Erfahrungen bei Deinhard in Koblenz gesammelt.

„Die Lesehelfer müssen mit dem spitzen Scherchen arbeiten“, so Schüller. Und erklärt: „Die Trauben sind zurzeit wegen der Witterung sehr anfällig. Gibt es faule Beeren, müssen diese noch im Wingert rausgeschnitten werden. Das ist selektives Lesen, dauert länger, bringt aber die Qualität, die wir wollen.“

Die hat auch ihren Preis. So hat die Dagernova im vergangenen Jahr bei der Hauptrebsorte Spätburgunder – die macht 70 Prozent aller Trauben aus – ihren Mitgliedern im Schnitt 2,60 Euro pro Kilo bezahlt.

„Da brechen Moselwinzer in Tränen aus“, sagt Schüller. Denn die dortigen Fassweinwinzer lagen im selben Zeitraum bei 50 Cent pro Kilo. Am Mittelrhein sehe es für die Nebenerwerbswinzer nicht besser aus. „Deshalb ist die Mosel in 30 Jahren von 12 000 Hektar auf 8000 geschrumpft und das Anbaugebiet Mittelrhein von 1200 Hektar Anfang der 1980er Jahre auf mittlerweile 450 Hektar“, sagt Schüller.

Bis zu vier Hektar pro Winzer

Das Anbaugebiet Ahr sei im selben Zeitraum von 500 auf aktuell 560 Hektar gewachsen. 151 davon bewirtschaften die Winzer der Dagernova Weinmanufaktur, die früher unter Ahr-Winzergenossenschaft firmierte. Zwischen zehn Ar und 100 Ar Wingert bearbeiten die Nebenerwerbswinzer. Die fünf Haupterwerbswinzer der Genossenschaft haben je dreieinhalb bis vier Hektar Rebland. „Das würde auch für ein passables Weingut ausreichen“, betont Schüller.

Indes stehen die Mitglieder mit ihren Traktoren an den Annahmestellen Schlange. Viele wollen ob der Wetterlage nicht ums Mostgewicht pokern, sondern bringen auf der sicheren Seite Spätburgunder mit satten 80 Öchslegraden ein. „Das sind die gefährdeten Trauben. Bevor diese durch Regen platzen und sich dann Fäulnis bildet, müssen sie gelesen werden“, erklärt der Technische Betriebsleiter Stephan Schneider. Der 56-Jährige ist seit 17 Jahren bei der Dagernova und rechnet mit einem Herbst von etwa einer Million Liter Wein.

Pro Lesetag werden an beiden Annahmestellen je 40 000 bis 50 000 Kilo Trauben angeliefert. Samstags, wenn die Nebenerwerbswinzer ihre ganzen Familien einspannen, werden bis zu 100 000 Kilo angekarrt. Platz genug ist da. Die Lagerkapazität der 144 Jahre alten Genossenschaft, die 32 feste Mitarbeiter hat, beträgt rund 3,5 Millionen Liter.

500.000 Liter Wein in Reserve

„Wir sind froh, dass wir noch rund 500 000 Liter Wein in Reserve liegen haben“, sagt Schüller. Das gleiche schlechte Ertragsjahre aus. So ist auch dieses Jahr vom Ertrag her eher suboptimal. „Bis zu 40 Prozent Einbußen durch den Frost im Frühjahr und die Wetterkapriolen der vergangenen Wochen sind es bei den frühen Sorten“, sagt Schneider. Beim Spätburgunder rechnet Schüller mit Einbußen von rund 20 Prozent. „Das muss dann die Qualität wettmachen“, erklärt der Kellermeister.

„Dafür schieben wir unsere Lesetage auch bis in den Oktober, je nachdem, wie die einzelnen Winzer noch mit dem lieben Gott ums Mostgewicht zocken wollen.“ Es sei alles eine Sache des Wetters. Und jeder schöne Sonnentag bringe erfahrungsgemäß zusätzlich ein bis zwei Öchslegrade. Nur laue Nächte dürfe es nicht mehr geben. „Dann droht Fäulnis“, wissen die Winzer, die dennoch ob geringer Schadenslage aufatmen: Botrytis cinerea, also der Grauschimmel, oder der Falsche Mehltau Peronospera haben sich ebenso dünn gemacht wie die Japanische Kirschessigfliege.

Befall oder Nichtbefall ist jedoch auch abhängig von der Lage des Wingerts und der Resistenz der Trauben. „Kamikaze“, so nennen die Winzer scherzhaft den Spritzhubschrauber, hat sein Übriges dazu beigetragen. Der Heli hat bei seinen Kurven über den Wingerten ausschließlich Fungizide, also Antipilzmittel, ausgebracht.

10.000 Liter pro Hektar

So können denn nach der Vorauslese und dem Herunterschneiden von Trauben auf den Boden pro Stock rund drei Kilo geerntet werden. Es könnten mehr sein, doch da setzt die gesetzliche Mengenregulierung ein. Maximal 10.000 Liter Wein darf ein Hektar Wingert bringen.

Den Ahr-Winzern genügen 6000 bis 8000 Liter. Denn der Preis für die Trauben ist auch abhängig vom Ertragsniveau, also wie viel oder gerade wie wenig Lesegut es pro Hektar gibt. Denn ein Weniger an Trauben bedeutet gleichzeitig ein Mehr an Qualität. Nur eines bleibt konstant: Ein Kilo Trauben bringt rund 0,7 bis 0,75 Liter Wein, also gerade mal eine Flasche.

Aber viele Mitglieder bringen eben viele Flaschen. Und um diese gemeinsam zu vermarkten, dafür hat Friedrich Wilhelm Raiffeisen einst die Genossenschaften entwickelt. Aus der Not geboren, haben die Zusammenschlüsse Erfolgsgeschichte geschrieben. Dafür hat sie die Unesco als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt.

Darauf sind auch die Mitglieder von Mayschoß-Altenahr stolz, denn ihre 1868 gegründete Organisation ist die älteste Winzergenossenschaft der Welt.