Dokumentation im Kreis Ahrweiler

Zeugnisse jüdischen Lebens

Werner Mertens betreute das Projekt. FOTO: MARTIN GAUSMANN

Werner Mertens betreute das Projekt.

AHRWEILER. Regen prasselt, Klagegesang ertönt, Menschen gedenken beim Mahnmal in Remagen der Juden. So beginnt der Film "Zeugnisse jüdischen Lebens im Kreis Ahrweiler".

Vorgestellt wurde die 32-minütige Dokumentation der Kreisverwaltung, für die Kreisarchivar Leonard Janta das Konzept erstellte und deren Regie in den bewährten Händen von Werner Mertens lag, in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler. Warum gibt es den Film? Das erläuterte Landrat Jürgen Pföhler nach den Klängen der Klezmergruppe "Niealldoh" aus Insul mit Doris Schmitten, Marlies Bung, Barbara May und Annette Fuhrmann.

"Sie alle kennen die Aufmärsche in Remagen und das ?Braune Haus? in Bad Neuenahr. Das soll es hier nicht mehr geben. Deshalb haben wir die Initiative ?Null Toleranz gegen Rechts? gestartet. Wir kooperieren mit Schulen, unterstützen das Remagener Bündnis für Frieden und Demokratie und haben uns über die Renovierung der Synagoge in Niederzissen gefreut."

Im damaligen Kreis Ahrweiler lebten 1933 noch 319 Juden. Wem Auswanderung oder Flucht nicht gelangen, der war der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. Nach der Deportation ab 1942 endeten die meisten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Der Kreis Ahrweiler möchte somit einen neuen Beitrag gegen das Vergessen dieser Menschen und ihrer Kultur leisten. "Der Film ist sehr bedrückend", sagte Pföhler. Er sieht in ihm aber auch ein "beeindruckendes Gemeinschaftswerk". Denn neben Mertens und Janta trugen dazu ehrenamtlich viele Mitwirkende bei.

So führen im Film Carolin Scheid und Yannick Gremmler, Schüler des Gymnasiums Nonnenwerth, durch die Ausstellung "Mitbürger unter Vorbehalt - Remagener Juden zwischen Anerkennung und Vernichtung", die in Remagen und im Kreishaus zu sehen war. Die Geschichte der Juden, diese traurige Wahrheit wird durch die Dokumentation bewusst, hat seit der Nazizeit keine lebendige Fortsetzung erfahren.

Sie gründet sich auf Akten, Dokumente, Bücher, Fotos und Erinnerungsstätten. Annemarie-Müller-Feldmann erläutert, wie sie es unzählige Male für Gruppen getan hat, Grabsteine und Trauerriten auf dem jüdischen Friedhof in Ahrweiler. In den Blick geraten die ältesten Grabmale unterhalb der Burg Rheineck, die bis in die Zeit des 30-jährigen Krieges zurückreichen, und auf dem jüdischen Friedhof von Niederzissen mit ursprünglich 500 steinernen Zeugnissen berichtet Brunhilde Stürmer.

Stellvertretend für das einstige religiöse Leben im Kreis spricht in der Synagoge Saffig, wo die jüdische Gemeinde Neuwied Mittelrhein seit 2007 wieder Gottesdienste abhält, der zweite Vorsitzende Lothar Knote. Sein Vortrag zur Filmvorstellung fiel krankheitsbedingt leider aus. Wie Schabbat begangen wurde, zeigt Claudia Hess am festlich gedeckten Schabattisch in der "Gedenkstätte Landjugend an der Sieg" auf.

Die erfreuliche Renovierung der 1841 eingeweihten Synagoge Niederzissen samt rituellem Bad, kommentiert im Film Richard Keuler vom Kultur- und Heimatverein. Sie ist heute Veranstaltungsort und Museum, wie auch die ehemalige Ahrweiler Synagoge dem Kulturleben dient. Fördervereinsvorsitzender Klaus Liewald weist dort auch auf die 1000 Medien umfassende jüdische Bibliothek hin. Schwenk nach Bad Neuenahr, das bei jüdischen Kurgästen noch bis in die 1930er Jahre beliebt war.

Vor der ehemaligen Pension Sophie und Albert Elkans in der Kreuzstraße spricht Hubert Rieck von den "Geschichten und Tragödien hinter den Fassaden". Bei der Verlegung der Stolpersteine bewegte, dass Erich Elkan als einziger Familienüberlebender anreiste.

Nur noch wenige Zeitzeugen erinnern sich an jüdische Mitbürger. Ursula Hildebrand aus Ahrweiler erzählt von den ehemaligen Nachbarn Levi aus der Oberhutstraße. Unter dem Druck der NS-Verfolgung zog sich die gut integrierte Familie zuletzt immer mehr zurück.

Der Film endet, wie er begann, beim Davidstern-Mahnmal in Remagen. Man hört im Gesang von Jürgen Ries, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Neuwied Mittelrhein, die Namen der Vernichtungslager. Das jüdische Leben im Kreis erstarb durch die Vernichtung der Menschen. Was bleibt ist das Wachhalten der Erinnerung. Der Film ist im Internet bei You Tube veröffentlicht und wird demnächst für Schulen zu beziehen sein.