Geplantes Nahversorgungszentrum

"Wir haben genug Einkaufsmärkte"

Thomas Schwarze (r.) referierte über die Zentrale Nahversorgung. Die Bürger blieben skeptisch.

Thomas Schwarze (r.) referierte über die Zentrale Nahversorgung. Die Bürger blieben skeptisch.

SINZIG. Diplom Geograf Thomas Schwarze aus Münster hatte in Sinzig keinen leichten Stand. Der promovierte Kommunalberater und Planungsexperte in Sachen "Zentrale Nahversorgung", stand schnell im Verdacht, Sprachrohr von Discountern und Vollsortimentern zu sein.

Die Diskussion um eine Ansiedlung von Edeka, Aldi und der Drogeriekette Rossmann auf dem zur Disposition stehende Rick-Gelände erhitzt weiter die Gemüter. In einer mehr als dreistündigen Bürgerversammlung wurde schnell deutlich: Auf Gegenliebe stößt das Projekt in der Bevölkerung offenbar nicht.

Die Einzelhandelsstrukturen seien seit jeher im Wandel, führte Schwarze aus. Dies sei auf Veränderungen und Innovationen, auf veränderte Sozialstrukturen wie wachsende Ansprüche an Qualität und Angebotsvielfalt, wachsende Mobilität oder auch auf veränderte Familienstrukturen zurückzuführen.

Überlasse man es alleine dem Handel, auf veränderte Ansprüche zu reagieren, so ergäben sich wenig sozialverträgliche Konzepte, ist sich Schwarze sicher. Gemeint sind beispielsweise Einkaufszentren auf der "grünen Wiese". Gewachsene Strukturen könnten hierunter leiden.

"Um den Wandel zu steuern und in eine sozialverträgliche Richtung zu lenken, sind eine Reihe von ausdifferenzierten Planungsinstrumenten entwickelt worden", erklärte Schwarze. Zum Beispiel im Landesentwicklungsplan des Landes Rheinland-Pfalz.

Nicht nur, dass dort klar festgeschrieben ist, was "Zentrale Versorgungsbereiche" sind und wie mit ihnen umzugehen ist, sondern vielmehr wird auch sehr eindeutig geregelt, dass Ansiedlungen im Außenbereich zum Schutz der gewachsenen Strukturen nicht mehr erwünscht sind. Das Ziel: Auch ohne Auto sollen Menschen in Städten und Gemeinden einkaufen gehen können. Kaufland, Penny, DM, Rewe, Aldi und Edeka gibt es bereits in Sinzig. Aldi und Edeka klagen jedoch über zu geringe Verkaufsflächen, nachdem sich Konkurrent Rewe mit einem riesigem Markt breitmachen konnte.

Mit Neubauten auf der nahe der Innenstadt gelegenen Industriebrache will man dies ändern. "Mit der aktuell zur Verfügung stehenden Fläche auf dem Rick-Gelände kann eine Lösung gefunden werden, die den bisherigen guten Standards in Sinzig hinsichtlich Angebotsvielfalt und Grad der Nahversorgung für absehbare Zeit sichert", so Schwarze.

Das Interesse von Edeka, Aldi und Rossmann an dieser Fläche zeige an, dass der Standort der jeweiligen Systemlogik entspreche. Mit der Vergrößerung von Edeka auf eine Verkaufsfläche von 2000 Quadratmetern werde ein gleichwertiges Konkurrenzangebot im Bereich Vollsortimenter gesichert. Aldi brauche ihrer eigenen Firmenphilosophie und ihren konzerninternen Zielsetzungen entsprechend ebenfalls mehr Fläche. Schwarze: "Zum Rick-Gelände gibt es keine adäquate Standortalternative." Denkbar sei gar ein Wegzug von Edeka und Aldi, falls das Projekt scheitere.

"Die Belange der Discounter werden hier wichtiger genommen, als die der Bürger", "Wir brauchen keine weiteren Einkaufsmöglichkeiten", "Andere Dinge in Sinzig sind viel wichtiger", "Ich sehe hier keine Visionen, ich fühle mich nicht gut informiert", "An die Ahr gehört kein Nahversorgungszentrum", "Es fehlt eine Vor- und Nachteilsabwägung" - Die Bürgermeinungen in der Diskussionsrunde ließen schnell erkennen, wie wenig man in der Bevölkerung mit dem Projekt einverstanden zu sein scheint. Insbesondere wird ein zu hohes Verkehrsaufkommen befürchtet.

Eigentlich wollte sich der Sinziger Stadtrat am 28. Mai mit der Ansiedlung der Märkte auf dem Rick-Gelände befassen und möglicherweise sogar darüber entscheiden. Bürgermeister Wolfgang Kroeger, der die allgemeine Stimmungslage schnell erfasst hatte: "Dieser Termin wird seriös wohl nicht mehr zu halten sein."