Kommentar

Kaperfahrt an der Ahr

AHRWEILER. Auch wenn bundesweit der Hype aus gutem Grund wohl schon wieder vorüber ist: An Rhein und Ahr wollen die Piraten dennoch auf Kaperfahrt gehen. Sie gründen einen Kreisverband, um in unserer im Grundgesetz verbrieften repräsentativen Demokratie von Basispolitik und von der Politik "von unten nach oben" zu träumen.

Wie so etwas in der Praxis aussieht, kann man bei jedem Parteitag der politischen Freibeuter-Partei verfolgen. Als ob es sich um Briefe an das Christkind handeln würde, erstreckte sich alleine das Epos der Anträge beim Bundesparteitag 2012 über 1400 Seiten. Da geht dann schnell nichts mehr. Auf hoher politischer See verheddern sich die Piraten gerne im individuellen Klein-Klein oder auch im völlig unstrukturierten Weltanschauungs-Debattierwahn, um schlussendlich auf Grund zu laufen.

Kernaussagen wie "Die Freiheit des Internets ist unantastbar" sind nicht nur in Zeiten unkontrollierbarer Facebook-Partys oder elektronisch gesteuerter Schüler/Lehrer-Mobbings inhaltlich äußerst fragwürdig, die drohende Internet-Diktatur ist zudem auch schwer zu vermitteln.

Wenn Politik im Schwarm des Kollektivs von den vielen virtuellen Ichs erledigt wird, dann darf einen angesichts der gewaltigen Mixtur aus Idealismus und Dilettantismus getrost das Unwohlsein überkommen. Ein Antrag beim Bundesparteitag fordert das "Ende der chrononormativen Frühaufsteherdiktatur", um die "alltägliche Diskriminierung von Langschläfern zu beenden". Ein nicht nur politischer "Geisterfahrer-Antrag" fordert die Nutzung aller Spuren in alle Richtungen.

Man muss nicht immer mit allem einverstanden sein, was die etablierten politischen Parteien so von sich geben. Aber angesichts der skurrilen Piratenvorstellungen, kann man nur froh sein, dass es die Etablierten gibt.