Interview mit Michael Seegert

Die älteste Spielbank vor großen Herausforderungen

Michael Seegert ist seit 2003 geschäftsführender Gesellschafter.

Bad Neuenahr. Rien ne va plus - nichts geht mehr." Dieser Satz gehört zum klassischen Roulettespiel wie die Kugel im Kessel. Der geschäftsführende Gesellschafter Michael Seegert, der im elften Jahr die Geschicke der Spielbank Bad Neuenahr in Händen hält, hofft, diesen Satz für sein Haus nie aussprechen zu müssen.

Doch die Euro-Einführung, der Glücksspiel-Staatsvertrag, die Finanzkrise, Internetangebote und Spielotheken sowie gesetzliche Vorgaben zur Spielsucht-Prävention und Geldwäsche führen seit Jahren zu empfindlichen Einbußen. Über den Wandel in und die Zukunft der ältesten Spielbank Deutschlands sprach Marion Monreal mit ihm.

Die Umsatz- und damit auch die Gästezahlen der Spielbank befinden sich im freien Fall. Woran liegt das?

Michael Seegert: Das hat vielerlei Gründe. Es begann 2002 mit der Euro-Einführung, die für alle Spielbanken einen massiven Eingriff bedeutete. Hatten wir im Jahr 2000 noch knapp 27 Millionen Euro Bruttospielergebnis, so waren es 2003 nur noch 20 Millionen. Im Tagesdurchschnitt fielen die Besucherzahlen zwischen 2007 und 2011 von 622 auf 400 ab.

Sie haben im Jahr 2003 Bert Hanken an der Spitze abgelöst. Wie haben Sie versucht gegenzusteuern?

Seegert: Indem wir zum Beispiel 2004 in einem finanziellen Kraftakt drei Millionen Euro für die Modernisierung in die Hand genommen haben. Wir wollten in Erwartung der zwei Jahre später eröffnenden Groß-Spielbank in Duisburg für die Zukunft gewappnet sein. So wurde bei der Renovierung nicht nur dem klassischen Spiel Rechnung getragen, sondern auch dem von 100 auf 150 Automaten vergrößerten Automatenspiel in der "Jackpot Corner".

Trug das Früchte?

Seegert: Ja, eindeutig. Sieht man sich die Zahlen an, so hatten wir zumindest eine Stabilisierung erreicht. Und vor allem war uns gelungen, durch das moderne Outfit im Automatenbereich eine jüngere Klientel auf uns aufmerksam zu machen.

2008 war dann wieder ein Schicksalsjahr für die Stätten des staatlich konzessionierten Glückspiels. Stichwort Finanzkrise, Nichtraucherschutz und Glücksspiel-Staatsvertrag: Seither scheint die Pechsträhne nicht abzureißen. Hält der Trend an?

Seegert: Ja. Das kann ich auch schon für 2013 sagen. Wir verzeichnen, wie alle Spielbanken in Deutschland, von denen sieben schon schließen mussten, weiterhin einen Rückgang. Bis vergangenes Jahr hatte sich unser Bruttospielergebnis, das aus den eingesetzten Spielgeldern abzüglich der ausgezahlten Gewinne ermittelt wird, auf rund zehn Millionen Euro seit 2000 mehr als halbiert. Der Glücksspiel-Staatsvertrag verpflichtet uns unter anderem zu strengeren Zugangskontrollen beim klassischen Spiel und vor allem zu Ausweiskontrollen beim Automatenspiel, das zuvor frei zugänglich war.

Was sieht der Vertrag vor?

Seegert: Suchtprävention, Spielerschutz, Abwehr von Kriminalität, um Geldwäsche zu erschweren. Das heißt für uns aber im Klartext, dass wir, und das möglichst vom Gast unbemerkt, ihm nicht nur auf die Finger schauen, sondern ab einem Einsatz von 2000 Euro bestimmte Daten erfassen und festhalten müssen. Wie viel hat er eingesetzt, welche Gewinne erzielt? Sind es kriminelle Gelder aus Schurkenländern? Liegt der Verdacht der Geldwäsche vor? Wenn ja, dann müssen wir aktiv werden. Das ist in den vergangenen acht Jahren allerdings nur drei Mal vorgekommen.

Auf was oder wen sollen Sie noch achten?

Seegert: Zum Beispiel auf die weltweit 1,5 Millionen PEP - Politically Exposed Persons. Also Personen, die eine wichtige Funktion inne haben. Wir sollen sie erkennen, haben dafür aber keine Datenbank. Über Jahrzehnte gingen hier bei uns, durch die Nähe zu Bonn, Diplomaten aus aller Welt ein und aus. Das wäre damals undenkbar gewesen; es wäre niemand mehr nach Bad Neuenahr gekommen.

Was hat der Gesetzgeber erreicht?

Seegert: Dass Spielotheken wie Pilze aus dem Boden schießen. Gesperrte Spieler, in einer bundeseinheitlichen Kartei erfasst, sitzen jetzt dort, wo es keine Kontrollen gibt. Von der Ausweispflicht ließen sich jedoch nicht nur die schwarzen Schafe abschrecken, sondern auch Prominente oder betuchte Gäste, die keine Registrierung ihrer Daten möchten. Auch der Anteil ausländischer Gäste ging deutlich zurück, weil manche die benötigten Ausweispapiere nicht vorlegen konnten.

Ein weiterer Spiel-Platz ist das Internet. Existieren dort einheitliche Vorgaben?

Seegert: Nein! Das Internet ist unser größtes Problem, mächtigster Konkurrent, obwohl uns laut Staatsvertrag Casinospiele im Internet verboten werden. Dagegen haben wir keine Chance, obwohl dort das große Geschäft zu machen ist, weil viele Spieler dorthin abwandern. Deutschland rangiert beim Online-Poker gleich hinter Amerika an zweiter Stelle. 2000 Anbieter gibt es im Netz, die meisten davon sind illegal. Das Gros sitzt im Ausland und ist dadurch dem deutschen Gesetzgeber entzogen. Der Spieler muss noch nicht mal das Haus verlassen. Er kann im Bademantel am PC zocken.

Wie vertragen sich Spielbankschließungen mit Neueröffnungen zum Beispiel in Köln Ende 2014?

Seegert: Das genau ist ja die Doppelmoral. Wenn Köln, wahrscheinlich als moderne City-Spielbank am Start ist, dann wird Bad Neuenahr eine Nischen-Spielbank. Dann entscheiden Verfüg- und Erreichbarkeit darüber, ob der Gast aus Bonn oder Köln über die A 61 den Weg zu uns findet. Ich sehe jedoch weniger Probleme am Wochenende. Da werden wir mit unserem einmaligen Ambiente im Jugendstil-Kurhaus immer attraktiv bleiben. Versuchen müssen wir, an den Wochentagen von Montag bis Donnerstag besser zu sein. Ich bin 27 Jahre in der Gesellschaft tätig. Und immer konnten wir unternehmerisch etwas bewegen. Doch jetzt sind uns durch die Rahmenbedingungen die Hände gebunden.

Was motiviert Sie?

Seegert: Da ich für die Spielbank lebe und schon viele Veränderungen erlebt habe, habe ich keine Angst vor weiteren großen Herausforderungen. Es freut uns auch, dass viele junge Leute kommen. Wir haben einen hohen Erstbesucher-Anteil am Wochenende. Auch sind wir stolz auf unser Entertainment-Konzept wie die "Casino Nacht der Legenden" mit Stars, um die uns viele beneiden. Doch wir werden voraussichtlich weiter schrumpfen müssen im Angebot, räumlich und beim Personal.

Wie sieht der Personalstand aus?

Seegert: 143 Festangestellte waren es 2000, 85 im Jahr 2012.

Dass Ihnen das Glück nicht hold ist, bereitet auch den Partnern in der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler Kopfzerbrechen.

Seegert: Ja, Bad Neuenahr-Ahrweiler wartet leider mit zu vielen Negativschlagzeilen auf. Da ist die angeschlagene Kur AG auf der einen Seite und die Stadt, die keinen Investitionsspielraum mehr hat, auf der anderen Seite. Nach dem rheinland-pfälzischen Spielbankgesetz erhält die Kur AG zur Aufrechterhaltung des Heilbades zehn Prozent unseres Bruttospielertrages, davon werden zwei Prozent an den Kreis abgeführt. Sinken unsere Erträge, erhalten die Partner weniger Geld. Wiederum sitzen wir alle in einem Boot und müssen Sorge tragen, dass die Stadt attraktiv bleibt.

Wie hat sich das Ring-Casino am Nürburgring, für das sie ebenso zuständig sind wie für die Spielbank Bad Dürkheim, entwickelt?

Seegert: Entgegen aller Unkenrufe sehr gut. Es funktioniert ganzjährig in diesem doch schwierigen Umfeld. Um uns nicht selbst Konkurrenz zu machen, haben wir bewusst eine andere Gestaltung als in Bad Neuenahr gewählt und anders konzeptioniert. Der Erfolg gibt uns recht. Im Durchschnitt sind die Besucher 35 Jahre alt, die Klientel ist international, und auch aus dem Eifel-Umfeld kommen viele Gäste.