Katholiken lernten den Weihnachtsbaum erst durch die evangelischen Christen kennen

Den Protestanten nachgemacht

Vor 60 Jahren: Bescherung unterm Weihnachtsbaum. FOTO: GAUSMANN

Vor 60 Jahren: Bescherung unterm Weihnachtsbaum.

KREIS AHRWEILER. "Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen, wie glänzt er festlich, lieb und mild", heißt es im Lied. Festlich, lieb und mild ist es auch den Menschen zumute mit Blick auf die Krippe unterm Baum. Jedoch wären Baum und Krippe vor rund 200 Jahren im trauten Duo unvorstellbar gewesen, galt doch die grüne Zierde als typisch evangelische Erfindung, wovon sich Katholiken mit der Krippe abzugrenzen versuchten.

Mit Martin Luther aber, wie behauptet wurde, hat der Weihnachtsbaum rein gar nichts zu tun, weiß der Bonner Volkskundler Alois Döring: "Erste Zeugnisse für Weihnachtsfeiern mit Tannenbaum finden wir im 16. Jahrhundert im Elsass". In Mode kam der Weihnachtsbaum erst um 1800, als Protestanten ihn sich in vermeintlich evangelischer Tradition ins Wohnzimmer stellten.

Als Beleg führten sie ein Gemälde des Weimarer Hofkupferstechers Carl August Schwerdgeburth (1785-1878) an, das Luther und die Seinen einträchtig mit einem geschmückten Weihnachtsbaum zeigt. Der Titel lautet "Luther mit seiner Familie am Christabend 1536 zu Wittenberg". Gemalt wurde es indes erst 1843 und hatte seinen Ursprung in der Lutherverklärung. "Die Katholiken spotteten über den Lutherkult ebenso wie über den evangelischen Tannenbaumbrauch und bezeichneten den Protestantismus sogar als Weihnachtsbaumreligion", so Döring.

Doch half die Glaubensrichtung auch im heutigen Gebiet des überwiegend katholischen Ahrkreises den Weihnachtsbaum zu verbreiten. Als durch den Wiener Kongress der Löwenanteil des Rheinlands an Preußen fiel, stand eine Neuordnung an. Mit dem Beginn des neuen preußischen Landkreises Adenau zogen nun die ersten evangelischen Bewohner - Beamte, Industrielle, Handwerker, Geschäftsleute - ab 22. Mai 1816 auch in das Gebiet der Bürgermeistereien Adenau, Antweiler, Kelberg, Kempenich, Virneburg und ab 4. März 1817 in die Bürgermeisterei Brück. Im April 1822 beschlossen sie, der evangelischen Gemeinde in Mayen beizutreten.

Der Chronist der "Geschichte der evangelischen Kirchgemeinde Adenau" notierte: "Einen Einfluss der Gemeinde Mayen auf die Bevölkerung der Eifel erkennt man schon daraus, dass die Katholiken erst durch diese Evangelischen die Sitte kennengelernt haben, Weihnachten mit Christbaum und Bescherung zu feiern." Das Auftauchen des Baumes lässt sich folglich in den Wohnorten der Protestanten dieser Region auf das frühe 19. Jahrhundert datieren. Um diese Zeit mag er auch Einzug in Remagen gehalten haben, wo es schon Anfang des 17. Jahrhunderts reformierte Bürger gab oder im Breisiger Ländchen mit seinen bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden protestantischen Tradition, die 1832 durch eine wichtige Persönlichkeit des deutschen Protestantismus, den Rittergutsbesitzer Moritz-August Freiherr von Bethmann-Hollweg, Juraprofessor an der Universität Bonn, bestärkt wurde.

Zu vermuten ist, dass die Protesten auch außerhalb von Hocheifel und Bad Breisig überall, wo sie lebten oder Unternehmen betrieben, ihre Lebenskultur pflegten - etwa Rhodius in Sinzig um 1830 auf dem Helenaberg, gefolgt von Andreae; Bunge/Koenigs in Sinzig mit dem ihrer Sommer-Villa, dem 1858 erbauten "Schloss", oder Rhodius in Burgbrohl ab 1827 mit ihrer Bleiweißfabrik. Wann genau der Baum an den Orten im Kreis Ahrweiler auftaucht, ist selten verbürgt. In Westum soll es laut Heimatkenner Heinz Schmalz "gegen 1850" gewesen sein, während die früheste Nennung die Grafschaft-Forscher Ottmar Prothmann einholte, das "Landleben in der Voreifel. Oeverich um 1910" betrifft, so einer seiner Buchtitel. Prothmanns Befragung ergab, dass damals "der Christbaum", wie sie dort sagen, mit Engelshaar, bunten Kugeln und Spekulatius geschmückt wurde.

Einen etwas früheren Beleg hat Willy Weis für Kripp ausgemacht. In ihrem Tagebuch hält Maria Sybilla Voss, die mit ihrem Mann Vinzenz eine Weinessigfabrik führte, 1895 fest, wie ihre Familie zusammen mit anderen Kripper Fabrikantenfamilien zur Freude der armen Kinder von Kripp eine große Weihnachtsfeier mit Weihnachtsbaum und Bescherung im Gasthaus Rhein-Ahr ausrichtete. "Herzerweichend" fand sie es, wenn die Kinder sich die Nase an der Glasscheibe plattdrückten. Zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar durfte der Baum von der ganzen Dorfgemeinschaft geplündert werden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte der geschmückte Baum zumeist auch in katholischen Wohnzimmern Einlass gefunden. Mit seiner Verbreitung über konfessionelle Grenzen hinweg verschwand allmählich auch die Lutherlegende. Dafür hält sich hartnäckig das Gerücht, dieser Weihnachtsbrauch sei heidnischen Ursprungs. Dem hält Döring entgegen: "Laut neueren Erkenntnissen der Forschung geht der Weihnachtsbaum auf die Paradiesspiele der mittelalterlichen Kirche zurück."

Damals sei er am 24. Dezember als "Baum der Erkenntnis" aufgestellt worden, um darunter den Sündenfall Adams und Evas nachzuspielen. Im Kirchenkalender ist der 24. Dezember Adam und Eva gewidmet. Die Kirche setzte den Tag unmittelbar vor das Christfest, um damit anzuzeigen, dass die Menschwerdung Gottes den Zugang zum Paradiesgarten wieder eröffnen sollte. Beim mittelalterlichen Sündenfallspiel war der Baum, "auf der Seite, die die Erlösung symbolisieren sollte, mit Äpfeln und anderen Leckereien geschmückt, auf der anderen, sündigen Seite nicht".