Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr schließt

Feierlicher Appell zum offiziellen Abschied in Grafschaft-Gelsdorf

Kreis Ahrweiler. 51 Jahre lang waren das Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr (ZNBw) und seine Vorgängerdienststellen im Kreis Ahrweiler beheimatet (siehe Kasten).

Ende des Jahres wird das ZNBw aufgelöst, die Mitarbeiter werden in alle Winde verstreut. Im Vorgriff darauf wurde das ZNBw am Mittwoch bei einem feierlichen Appell im Innenhof der Liegenschaft im Gelsdorfer Gewerbegebiet außer Dienst gestellt.

Gut 170 Ehrengäste waren Zeugen des eindrucksvollen militärischen Zeremoniells. Kommandeur Brigadegeneral Jürgen Beyer gab einen Rückblick auf die Geschichte und die Aufgaben seiner Dienststelle, die am 24. April 1956 als "Fernmeldedienststelle der Streitkräfte" ihre Arbeit aufgenommen hatte.

Noch sei das ZNBw die Kerndienststelle des Militärischen Nachrichtenwesens der Bundeswehr. "Die wachsende Asymmetrie der modernen Kriegsführung verlangt dabei gerade vom Militärischen Nachrichtenwesen die richtige Einschätzung eines überaus komplexen Lagebildes und die Fähigkeit zur schnellen und treffsicheren Selektion von Informationen", sagte Beyer.

So sei es die wichtigste Aufgabe, eigene Verluste zu verhindern und einem erkannten Gegner frühzeitig Handlungsoptionen zu verwehren. "Es ist nur die zweitbeste Lösung, nach einem gelungenen Anschlag festzustellen, wer eigentlich der Angreifer war", sagte Beyer. Deshalb richte sich das Interesse des ZNBw besonders auf jene Einzelpersonen, Gruppen und Netzwerke, die die Auftragserfüllung der Bundeswehr-Einsatzkontingente bedrohten.

Die Ergebnisse seiner Arbeit stelle das ZNBw den militärischen und politischen Entscheidungsebenen zur Verfügung, sagte Beyer. Von diesen Entscheidungen wiederum hingen Leben und Gesundheit deutscher Soldaten bei ihren Auslandseinsätzen ab. Mit der Außerdienststellung und der damit einhergehenden Übertragung der bislang in Gelsdorf konzentrierten Aufgaben habe man bereits Anfang des Jahres begonnen, und der Prozess sei in vollem Gange.

Die Aufgaben des ZNBw würden auf zehn Dienststellen verteilt. Außerdienststellungen seien zwar immer ein Anlass für Wehmut, sagte der Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Vizeadmiral Wolfram Kühn. Doch diese Auflösung setze auch positive Zeichen, weil damit eine Weiterentwicklung und ein Neubeginn verknüpft seien.

Die veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen erforderten umfangreiche Anpassungen. Mit der vergleichsweise klar strukturierten Lage zu Zeiten des Ost-West-Konfliktes seien die heutigen Anforderungen in keiner Weise mehr vergleichbar.

"Der internationale Terrorismus, die Proliferation von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägermittel stellen uns vor immer neue Herausforderungen", erklärte Kühn. "Das Gesicht unserer Gegner ist nicht mehr klar erkennbar", bedauerte er. Die Übergänge von unbeteiligten Zivilisten zu Widerstandskämpfern, Terroristen oder simplen Kriminellen seien fließend.

Im Sinne des erweiterten Sicherheitsbegriffs führe die Bundeswehr das komplette nachrichtendienstliche Aufkommen in einem integrativen Ansatz zusammen. Das Kommando Strategisch Aufklärung werde künftig die zentrale Kommandobehörde für das Militärische Nachrichtenwesen sein, führte Kühn aus.

Doch trotz aller neuen Technologien bleibe der Faktor Mensch die bestimmende Größe im Militärischen Nachrichtenwesen. Es sei entscheidend, dass man auch künftig auf die langjährige Expertise der jetzigen Mitarbeiter des ZNBw zurückgreifen könne. "Es gehört zu unserem Beruf als Soldat, dass auf den einen oder anderen auch persönliche Härten zukommen", sagte Kühn.

"Eine professionelle Herausforderung, die ich Sie bitte, auch als persönliche Chance für einen Neuanfang anzunehmen." Mit dem Einrollen der Truppenfahne und der offiziellen Entbindung von Brigadegeneral Jürgen Beyer von seinem Kommando vollzog Generalmajor Klaus-Peter Treche die Außerdienststellung des ZNBw, bevor sich alle zur Nationalhymne erhoben.

Chronik

Am 16. April 1956 wird ein aus fünf Soldaten bestehendes Vorkommando der Fernmeldedienststelle der Streitkräfte in Ahrweiler etabliert. Im Mai 1956 schon übernimmt Brigadegeneral Friedrich Boetzel die Dienstgeschäfte der "Dienststelle für Fernmeldeaufklärung und Schlüsselwesen", die 1958 umbenannt wurde in "Fernmeldedienststelle der Bundeswehr".

Am 1. April 1964 gibt es eine erneute Umbenennung in "Amt für Fernmeldewesen der Bundeswehr", ab 1979 heißt es "Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr", am 1. Juni 2002 erhält die Dienststelle den Namen "Zentrum für Nachrichtenwesen der Bundeswehr".

Im Mai 1983 wird die ehemalige Kurklinik "Ahrblick" in Bad Neuenahr als neues Domizil des damaligen ANBw bezogen. Doch schon zwei Jahre später wird der Planungsauftrag für einen Neubau in Gelsdorf erteilt, der aus einem Bürogebäude und einem unterirdischen Schutzbau besteht.

Im April 1996 übergibt die damalige Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesverteidigungsministerium, Michaela Geiger, den Schlüssel für die neue Liegenschaft im Gelsdorfer Industriegebiet an den damaligen Amtschef, Brigadegeneral Günther Wenger. 1997 nimmt dort die Nachrichtenzentrale ihren Betrieb auf.

Am 1. April 2004 gibt Bundesverteidigungsminister Peter Struck bekannt, dass die Kernaufgaben des ZNBw künftig auf den Bundesnachrichtendienst übertragen werden.

Am 26. Januar 2007 schließlich wird der Befehl unterzeichnet, der die Auflösung der Dienststelle zum 31. Dezember 2007 vorsieht. Dessen Aufgaben werden künftig von zehn verschiedenen militärischen und nichtmilitärischen Dienststellen übernommen.