Erst ab 75 Jahren steigt das Risiko

Zahl älterer Autofahrer auf Straßen nimmt zu - Für viele ist Auto Stück Lebensqualität

BONN/RHEIN-SIEG-KREIS. Elke Artelt aus Heimerzheim ist mit ihren 73 Jahren fast täglich als Autofahrerin unterwegs. Zwar verfügt Heimerzheim im Vergleich zu den meisten ländlich gelegenen Ortschaften über eine gute Infrastruktur, was das Angebot von Ärzten und Geschäften betrifft, nicht aber über eine befriedigende ÖPNV-Anbindung. Denn die rüstige Seniorin ist aktiv: Regelmäßig trifft sie sich mit Freunden zum Wandern, fährt einmal die Woche zu Aquafitness, zum Literaturkreis und zu ihren Enkeln nach Bonn.

"Selbstständig Autofahren bedeutet für mich Unabhängigkeit und Freiheit, die ich so lange nutzen will, wie ich kann." Seit mehr als 40 Jahren fährt sie unfallfrei. Einschränkungen aufgrund ihres Alters spürt sie keine. Würde es gesetzlich vorgeschriebene Tests geben, würde sie die natürlich machen: "Ich glaube aber, dass wir älteren Fahrer deutlich weniger riskant fahren als die jungen."

Die Deutschen werden alt. Im Jahr 2060 soll laut Statistischem Bundesamt jeder Dritte mindestens 65 Jahre alt sein. Und wir werden älter und nähern uns statistisch zumindest allmählich den 90 Jahren. Wer lange lebt, fährt auch länger selbst Auto. Das hat mitunter Folgen. Immer öfter liest man von sehr betagten Fahrern, die Unfälle verursacht haben. Hatten solche Unfälle schlimme Folgen, werden immer wieder Forderungen nach Gesundheitstests ab einem bestimmten Alter laut.

Senioren als Autofahrer sind ein heikles Thema. Schnell fühlen sich die einen auf den Schlips getreten, andere meinen, jeden langsam fahrenden Senior als Gefahr für die Allgemeinheit abstempeln zu können. Tatsächlich liest man fast täglich von Unfällen, bei denen deutlich über 70-Jährige am Steuer saßen: Meist wurden mit spektakulären Folgen Rückwärts- mit Vorwärtsgang oder dann noch Gas mit Bremse verwechselt.

Und das beim Ausparken und bei geringer Geschwindigkeit. Meistens entsteht deshalb nur ein Sachschaden. Noch viel öfter liest man jedoch von solchen Unfällen, die unter 21-Jährige verursacht haben. Ältere Autofahrer stellen noch kein erhöhtes Risiko im Straßenverkehr dar, bestätigen die Statistiken der Polizei und des Bundesamtes für Statistik.

Allerdings steigt das Risiko, je älter der Fahrer wird. Während die unter 75-jährigen Fahrer deutlich weniger in Unfälle verwickelt sind, als die Risikogruppe der 18- bis 21-Jährigen, ändert sich das deutlich, wenn die Fahrer 75 Jahre und älter sind. Dann überholen sie um sechs Prozent die Risikogruppe der jungen Fahrer, die 70 Prozent ihrer Unfälle selbst verschulden.

Noch dominieren bei uns auf den Straßen die unter 50-jährigen Fahrer mit rund 38 Prozent. Laut Bundesamt für Statistik wird sich das Fahrerverhältnis in weniger als 20 Jahren deutlich verändern. 2020 sind die meisten Autofahrer (39 Prozent) über 50 Jahre alt. Beim demografischen Wandel ist Altwerden mit dem Auto nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern auch unverzichtbar für den, der unabhängig bleiben will. Selber Autofahren zu können, sichert nach Meinung vieler die Lebensqualität.

Was es heißt, ohne Auto zu leben, weiß Herbert Lux (69) aus Beuel seit sechs Jahren. Er fühlte sich nicht mehr fit genug, sich hinters Steuer zu setzen. "Unsere Tochter wohnt in der Nähe und fährt mit uns einmal die Woche einkaufen", sagt Lux. Würde sie ihre Eltern nicht fahren können, wäre es schwieriger, ohne Auto auszukommen. Alles andere erledigt Lux mit dem Rad oder Bus. "Das geht nur, weil wir hier alles fast vor der Tür haben."

Trotzdem ist ihnen die Umstellung schwer gefallen, "manchmal habe ich es auch bereut, weil man nicht mehr unabhängig ist". Aber es sei seine Entscheidung gewesen, die er freiwillig getroffen habe. "Meinen Führerschein werde ich nicht abgeben. Das wäre eine Selbstentmündigung." Auch das Angebot der Stadt Bonn an Senioren ab 60, im Tausch gegen den Führerschein ein halbes Jahr lang kostenlos mit Bus und Bahn fahren zu dürfen, ist für Lux kein Anreiz.

Rechtliche Lage:
In Deutschland gilt der Führerschein lebenslang. Daran ändert auch nichts der Führerschein, der ab 19. Januar 2013 ausgestellt wird und der auf 15 Jahre befristet ist. Ein Führerschein kann vom zuständigen Straßenverkehrsamt eingezogen werden, wenn die Polizei den Verdacht äußert, dass die Fahrtauglichkeit eingeschränkt sein könnte. Das wird dann von Gutachtern überprüft.

Selbstüberprüfung:
Jeder Autofahrer muss eigenverantwortlich entscheiden, ob er fit genug ist zum Fahren. Wer unsicher ist, findet Hilfen. Zum Beispiel beim TÜV oder der Dekra. Sie bieten Mobilitätschecks an. Auch die Deutsche Verkehrswacht bietet Hilfen für Senioren an.

Infos unter www.deutsche-verkehrswacht, www.adac.de und www.dekra.de, www.das.de

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