"Wir haben eine Euphorie in der Stadt"

Der Koblenzer Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig und Geschäftsführer der Bundesgartenschau Hanspeter Faas sprechen im Interview mit dem General-Anzeiger über die Stadt, die Blumen und die Zukunft.

Mit dem Koblenzer Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig und Buga-Geschäftsführer Hanspeter Faas sprachen Bernd Eyermann und Ulrich Lüke.

General-Anzeiger: Nach zwei Dritteln eines Spiels beginnt meist die Auswechselzeit. Was wird auf der Bundesgartenschau nach vier Monaten geändert?

Hanspeter Faas: Eigentlich nichts. Das Konzept der Buga hat sich bewährt. Wir haben Dinge, die am Anfang nicht so gut liefen, verbessert.

GA: Was war das?

Faas: Es gab zum Beispiel Dinge, die anders eingetreten sind, als wir es gedacht haben. Der Eingang am Deutschen Eck ist wider Erwarten zu einem weiteren Haupteingang geworden. Da mussten wir also optimieren.

GA: Also jetzt geht alles so weiter?

Faas: Ich hoffe es. Es ist nach vier Monaten nicht immer einfach, von allen Beteiligten zu fordern, auch in der Schlussphase auf dem bisherigen hohen Niveau zu bleiben, das gleiche Engagement zu zeigen.

GA: Der OB schaut sehr zufrieden über diese Gartenschau?

Joachim Hofmann-Göttig: Mehr als das. Die Buga läuft quantitativ und qualitativ sehr gut, absolut im Spitzenbereich deutscher Bundesgartenschauen. Trotzdem lehnen sich Herr Faas und sein Team nicht zufrieden zurück, sondern sie gehen allen Verbesserungsvorschlägen, jeder Kritik weiter nach.

GA: Herr Faas hat gesagt, Koblenz sei vor der Buga eine Stadt gewesen, die in die Jahre gekommen war. Stimmt dem der OB zu?

Hofmann-Göttig: Ja, das war so.

GA: Mussten die Sünden aus der Nachkriegszeit getilgt werden?

Hofmann-Göttig: Nein, es war einfach so: Die Promenaden waren in keinem guten Zustand, das Schloss war versteckt, weil zugeparkt. Im Hinterhof lag der Müll. Wir sind mit unseren Schätzen in der Vergangenheit einfach nicht pfleglich genug umgegangen. Auch mit dem Juwel der Festung und ihrem Park nicht.

Faas: Ganz entscheidend war der Neubeginn in den Köpfen der Menschen. Wenn ich an die anfängliche, extrem große Skepsis in der Bevölkerung, aber auch in der Politik denke, ist das eine großartige Entwicklung. Man hat beispielsweise erkannt, dass Städte andere Qualitäten haben als nur die Frage: Wie nah kann ich mit meinem Auto wohin?

Hofmann-Göttig: Und auch dadurch ist das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt worden, nicht nur durch die Teile der Buga auf beiden Seiten des Rheins. Die ganze Anmutung der Stadt ist eine andere geworden.

GA: Wie ist es gelungen, die Stimmung zu kippen?

Faas: Vor allen Dingen durch Offenheit und Beteiligung. Wir haben nie eine Salami-Taktik verfolgt.

Hofmann-Göttig: Wichtige Ergänzung: Wenn wir ehrlich sind, haben wir den eigentlichen Durchbruch unmittelbar vor Eröffnung und mit der Eröffnung Mitte April erreicht. Noch zu Beginn dieses Jahres gab es gehörige Skepsis. Heute haben wir eine Euphorie in der Stadt. Die Leute sind glücklich und stolz.

GA: Wie steht es um die Menschen in der Region?

Hofmann-Göttig: Die haben wir gut mitgenommen. Etwa durch das Projekt der 13 Meisterwerke der Region, zu denen aus Bonner Sicht eben auch das Arp-Museum in Rolandseck und der Regierungsbunker an der Ahr gehören. Der Aspekt der Regionalität ist hier sehr präsent, das ist keine städtische Veranstaltung.

GA: Die Buga: 100 Millionen Budget und bisher zwei Millionen Besucher. Was sind die Zielzahlen?

Faas: Zwei Millionen Besucher. Im Ernst: Wir haben die Zielzahl schon erreicht und freuen uns über jeden, der jetzt noch dazu kommt. Und wir werden keine schwarze Null, sondern eine schwarze Zahl schreiben. Wie sie aussieht, kann aber heute keiner sagen.

GA: Können Sie zusagen, dass die Seilbahn bleibt?

Hofmann-Göttig: Nein. Mit der Seilbahn wollten wir eigentlich nur eine schnelle Verbindung zwischen rechter und linker Rheinseite. Wir wissen heute, dass sie zu den Highlights der Erlebniswelt Buga gehört und auf emotionale Weise in der Lage ist, Besucher in die Festung Ehrenbreitstein zu holen. Daran haben wir natürlich dauerhaft ein Interesse.

GA: Eigentlich soll die Seilbahn aber 2013 wieder abgebaut werden.

Hofmann-Göttig: Wir sind mit dem Seilbahnbesitzer überein gekommen, dass er uns Ende August 2012 ein Angebot macht und wir überlegen, ob es wirtschaftlich tragfähig ist. Wenn ja, brauchen wir auch die Zustimmung der Bürger. Mein Vorschlag ist, dass wir eine Bevölkerungsbefragung machen.

GA: Aber Sie haben das grundsätzliche Interesse, dass die Seilbahn bestehen bleibt.

Hofmann-Göttig: Für den Kulturtourismus in der Stadt und das Zusammengehörigkeitsgefühlt der beiden Rheinseiten wird sie eine entscheidende Bedeutung haben.

GA: Würde die Seilbahn gekappt, wäre das für Koblenz ein Rückschritt.

Hofmann-Göttig: Ja, so ist es.

Faas: Bisher war die Festung Ehrenbreitstein zwar sichtbar, aber man musste eine halbe Stunde über einen komplizierten Weg dorthin fahren. Heute setze ich mich in die Gondel und bin in vier Minuten oben. Jetzt liegt die Festung mitten in der Stadt.

Hofmann-Göttig: Die Fahrt hoch zur Festung ist berauschend, die Fahrt runter zur Stadt hin ist Wahnsinn.

GA: Das war viel Positives. Gab es auch Beschwerden?

Faas: Wenn der Kaffee mal nicht schnell genug kam. Manche beschweren sich sogar, dass es zu voll ist.

GA: Gibt es auch Beschwerden, dass es auf dem Gartenschaugelände zu wenige Blumen gibt?

Faas: Das eigentlich nicht, aber in der Tat hatten wir beim Wechsel von dem extrem heißen Frühjahr zum Sommer ein paar Probleme mit der Vegetation.

GA: Apropos Wetter: Die Monate Juni, Juli und der bisherige August waren ziemlich kalt und verregnet. Sie haben trotzdem hohe Besucherzahlen. Wie erklären Sie sich das?

Faas: Für uns war das Wetter gut, denn wir haben nur eine Konkurrenz: das schöne Wetter. Dann gehen die Leute ins Schwimmbad oder verabreden sich zum Grillen. Das frische Wetter ist für uns optimal.

Hofmann-Göttig: Mit 164 000 Besuchern war die vorvergangene Woche die bisher beste überhaupt.

GA: Haben die ökologischen Kriterien gegriffen?

Faas: Nur knapp über 40 Prozent der Besucher kommen mit dem Auto. Das ist wenig. Viele kommen mit der Bahn und die Koblenzer zumeist mit dem Rad oder zu Fuß. Vorher hieß es immer, die Koblenzer führen nur mit dem Auto.

GA: Wäre es eine innovative Idee, eine Nachtgartenschau zu haben?

Faas: Die haben wir hier. Unser Gelände wird ja nicht geschlossen, so dass Sie drin bleiben können, solange Sie wollen.

GA: Interessieren sich die Koblenzer derzeit eigentlich mehr für die Zukunft des Oberlandesgerichts als für die Buga?

Hofmann-Göttig: Die Koblenzer haben verschiedene Sektoren im Kopf frei, um sich mit beiden Themen gleichzeitig zu beschäftigen. Wir haben in den vergangenen Wochen an der Seite der Justiz engagiert gekämpft. Mit Erfolg, denn die Landesregierung hat einen Rückwärtsgang eingelegt und eine Kommission eingesetzt, die sich mit den Fragen der Justizreform fundamental beschäftigt. Dafür wird im Herbst die Zukunft des Bundeswehrstandorts in den Vordergrund rücken.

GA: Der größte Arbeitgeber in Koblenz?

Hofmann-Göttig: Ja. Wir sind eine alte Garnisonsstadt und mussten zuletzt viele Federn lassen. Wir haben ein großes Interesse daran, dass die zentralen Einrichtungen hier erhalten bleiben: das Bundeswehr-Zentralkrankenhaus, das Beschaffungsamt, das IT-Amt, das Zentrum der Inneren Führung und das Heereskommando.

GA: Herr Faas, welchen Rat geben Sie dem Oberbürgermeister für die Jahre ohne Buga?

Faas: So etwas steht einem Geschäftsführer natürlich nicht zu.

Hofmann-Göttig: Jedenfalls nicht, wenn die Presse dabei ist.

Faas: Die Koblenzer nehmen mit großer Leidenschaft die Rolle des Gastgebers an und identifizieren sich vielmehr als noch in der Vorbereitungszeit mit ihrer Stadt. Es wäre ganz wichtig, den positiven Grundgedanken in die nächsten Jahre zu tragen, dass man nur gemeinsam etwas schaffen kann, dass 1 und 1 eben mehr als 2 ist. Das Denken in Klein-Klein darf nicht wieder einsetzen.

GA: Können Sie dem folgen?

Hofmann-Göttig: In meinem Wahlkampf vor zwei Jahren bin ich mit dem Slogan "Koblenz gemeinsam nach vorn" angetreten. Dieses Gemeinsame aber muss man wollen. Und das ist nicht ganz einfach.

GA: Glauben Sie, dass die Koblenzer wieder zu ihrer kritischen Haltung zurückkehren?

Hofmann-Göttig: Sie sind auf dem Höhepunkt des Stolzes und des Selbstwertgefühls. Jetzt gibt es die Chance, dass die Koblenzer nicht immer nur das Negative sehen, nicht immer nur nölen. Ich werde den Versuch machen, diese Mentalität zu retten.

GA: Dazu brauchen Sie mehr als die Neubepflanzung der Beete, dazu brauchen Sie ein neues Projekt. Haben Sie so etwas?

Hofmann-Göttig: Die Schönheit der Stadt zu präsentieren, auch ohne permanente Blumenpracht. Das wird nicht einfach, angesichts unserer finanziellen Lage: Wir haben über 400 Millionen Euro Schulden, bekommen 50 Millionen jährlich dazu. Um allein das Gelände so zu erhalten, bräuchten wir rund drei Millionen; 1,7 für die gärtnerische Pflege und 1,3 für das kulturelle Angebot.

GA: Was sind für Sie die wichtigsten Aufgaben in nächster Zeit?

Hofmann-Göttig: Die Haushaltssanierung, das Projekt Zentralplatz mit dem Forum Mittelrhein und dass wir den positiven Schwung der Buga nutzen für eine dauerhafte Stimulierung des Tourismus. Wir hatten im Mai 65 000 Übernachtungen, 20 Prozent mehr als im besten Mai aller Zeiten. Das zeigt: Hier ist viel Potenzial vorhanden.

Zu den Personen

Joachim Hofmann-Göttig, geboren 1951 in Leipzig, ist seit Mai 2010 Oberbürgermeister von Koblenz. Der promovierte Erziehungswissenschaftler arbeitete von 1975 bis 1991 in Bonn vor allem für die SPD, danach wurde er Staatssekretär in der Mainzer Landesregierung. Hofmann-Göttig ist verheiratet und Vater zweier Töchter.

Hanspeter Faas, geboren 1954 in Lörrach, ist seit 30 Jahren Experte für Gartenschauen. Seit 2006 ist er Geschäftsführer der Buga Koblenz. Faas lernte Gärtner und studierte in Berlin Gartenbau und Landespflege und war seitdem an drei Bundes- und 16 Landesgartenschauen entscheidend beteiligt. Faas ist verheiratet und hat zwei Kinder.