GA-Serie "Rheinische Redensarten"

Wäe keen Höhne hätt, dem wääde och keen övvefahre

Wer keine Hühner hat, dem werden auch keine überfahren.

Wer keine Hühner hat, dem werden auch keine überfahren.

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Der Rheinländer an sich empfiehlt seinem Mitmenschen gerne eine Prise Bescheidenheit. Denn ihm ist das substanzlose Auftrumpfen zuwider. Es ist nicht seine Sache, sich wichtigzutun. Nicht, dass er sich nicht auch mal in die Brust werfen könnte und feststellen: Hier bin ich, hier war ich, hier bleibe ich. Aber immer nur, wenn er sich dazu qua Herkunft auch berechtigt fühlt.

Sein Ehrbegriff hat immer auch die Dimension der Bescheidenheit. Und das drückt sich unter anderem in der rheinischen Redewendung aus: „Wäe keen Höhne hätt, dem wääde och keen övvefahre.“ Begrifflich gibt es da für den Zugezogenen kaum Hürden.

Im Hochdeutschen heißt das in etwa: Wer keine Hühner hat, dem wird auch keines überfahren. Bei Lichte besehen ist das der Appell, mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Und wenn jemand das Gefühlt hat, ihm mangele es an etwas, dann kann er sich damit trösten, dass er das, was er nicht besitzt, auch nicht verlieren kann.

Ja, ziehen wir den Zitateschatz der Welt zu Rate, kann es sogar noch schlimmer kommen, wenn man mit seinem überschaubaren Besitzstand hadert. „Oft verliert man das Gute, wenn man das Bessere sucht“, sagte einst der italienische Dichter Pietro Metastasio.

Sollte man also allzu großen Ehrgeiz an den Tag legen, um seine Güter zu vermehren, kann es sogar vorkommen, dass man hinter den bisherigen Stand zurück fällt.

Dieses Wissen hat der Rheinländer schon lange, und er hat es auch so formuliert, dass es jeder versteht.

Denn hinter dieser Redensart steckt ein tiefgeschürftes menschliches Wissen: Alles und jedes hat seinen Preis. Wenn ich eine Medaille gewinne, bekomme ich die Kehrseite gratis dazu. So bleibt alles im Leben ein Abwägungsprozess, ob die Vor- oder Nachteile einer Sache überwiegen. Man könnte sagen, dass die Kernaussage in die Weisheit aus dem 4. Jahrhundert mündet: Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.

Haben auch Sie einen rheinischen Lieblingsspruch, dann mailen Sie ihn uns unter rheinisch@ga-bonn.de. Die „Rheinischen Redensarten“ aus der wöchentlichen Kolumnenserie des General-Anzeigers sind als Buch erschienen und ab sofort in den GA-Geschäftsstellen und im Handel zu haben. Das gedruckte Werk hat die Edition Lempertz verlegt, ISBN: 978-3-96058-211-3, es kostet 9,99 Euro.