"Mord ohne Leichen"

Vor zehn Jahren verschwanden Doris und Winfried Hagen spurlos

BONN. Es ist der spektakulärste Fall in der Geschichte der Bonner Kriminalpolizei. Als "Mord ohne Leichen" hat er Schlagzeilen gemacht. Jetzt jährt er sich zum 10. Mal: Am 13. Juli 1994 wurde das Unternehmerehepaar Doris und Winfried Hagen aus Heidebergen zum letzten Mal lebend gesehen.

Über ihr Schicksal gibt es nur Spekulationen. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einem Verbrechen aus. Die Leichen aber wurden nie gefunden.

Zum 10. Jahrestag bitten Freunde der Familie noch einmal um Hinweise auf die Umstände des rätselhaften Verschwindens der Hagens und ihres Cockerspaniels Toby. Mit einer Anzeige erinnern sie an das Schicksal der Verschollenen. "Freunde vermissen ihre Freunde", heißt es.

Und weiter: "Was immer am 13. Juli 1994 oder danach mit Euch geschehen ist, für uns ist die Ungewissheit über Euer Schicksal unerträglich."

Die Akte "Hagen", so versichert Monika Ziegenberg, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, ist nach wie vor nicht geschlossen. "Auch heute noch gehen immer wieder Hinweise ein, denen Polizei und Staatsanwaltschaft nachgehen. Für Sohn Klaus (38) ist der 13. Juli 2004 ein wichtiges Datum: Nachdem Abwesenheitspfleger Ludger Westrick die Generalvollmacht für den Alleinerben widerrufen hatte, kann Klaus Hagen jetzt an das Geld seiner Eltern - geschätztes Vermögen von mehreren Millionen Euro - kommen.

Nach Paragraph 3 Verschollenheitsgesetz kann er sie nach zehn Jahren für tot erklären lassen. Nach Angaben eines Gerichtssprechers hat er das aber bisher nicht getan.

Rückblick ins Jahr 1994: Für Mitte Juli planen Doris und Winfried Hagen einen Kurzurlaub auf ihrer Yacht in Holland. Als am Abend des 13. Juli Sohn Klaus nach Hause kommt und die Eltern nicht da sind, vermutet er, sie seien schon nach Holland gefahren. Doch die Autos der beiden stehen in der Garage. Ebenfalls verschwunden ist der Hund der Eheleute.

Am nächsten Tag fahren Klaus und ein Freund nach eigenen Angaben nach Südfrankreich. Rückkehr: 21. Juli. Die Eltern sind nicht zu Hause. Am 22. Juli fliegt Klaus mit seiner Freundin in die Türkei. Rückkehr: 8. August. Das Haus in Heidebergen ist immer noch leer.

Erst am 16. August erstattet der Sohn Vermisstenanzeige. Die Kripo nimmt Ermittlungen auf. Der Fall wird mysteriös.

Im September geht Klaus Hagens Rolls Royce in der Kfz-Werkstatt eines Bekannten in Leverkusen in Flammen auf, und wenig später wird ein Auto des Ehepaares in Budapest gestohlen. Nach und nach rückt der Sohn ins Visier der Fahnder.

Ebenso ein Freund. Gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beteiligung an einem Tötungsdelikt. Die Kripo ermittelt, dass in der Villa in Heidebergen falsche Spuren gelegt worden waren, die auf einen Holland-Aufenthalt des Paares hindeuten sollten.

Die Polizei ist sicher: Doris und Winfried Hagen hatten die Reise gar nicht angetreten. Doch Sohn Klaus schweigt in den Vernehmungen, der Freund beruft sich auf sein Aussageverweigerungsrecht.

Fünf Monate nach dem Verschwinden erwirken die Geschwister Winfried Hagens, dass das Amtsgericht Bonn einen Abwesenheitspfleger einsetzt. Anwalt Westrick verwaltet das Vermögen der Verschwundenen und widerruft die Generalvollmacht für Klaus über das elterliche Geld.

Klaus bleibt in der Villa wohnen, muss aber Miete zahlen. Im August 1996 genehmigt das Landgericht dem Abwesenheitspfleger, aus dem Hagen-Vermögen eine Million Mark als Belohnung auszuloben. Alleinerbe Hagen jun. hatte sich bis dahin gegen die hohe Belohnung ausgesprochen, weil er fürchtete, dass so viel Geld zu gefährlichen und verwirrenden Falschaussagen führen könne.

Unterdessen ermittelt die Polizei in Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Polen, Ungarn und den USA - bis September 1999. Dann stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Klaus und dessen Freund ein. Es gab zwar Indizien, aber keine Beweise für eine Tatbeteiligung der beiden. 2000 wird der Fall auf DNA-Spuren untersucht. Ergebnislos.

2001 scheitert Klaus Hagen auch in dritter Instanz mit dem Versuch, an die elterlichen Millionen zu kommen. Das Oberlandesgericht Köln entscheidet, dass Abwesenheitspfleger Westrick die Kontrolle über das Vermögen des Ehepaares behält.

Sommer 2004: Das Anwesen in Heidebergen sieht verwahrlost aus. Büsche und Unkraut wuchern auf dem Grundstück, der Rasen ist seit langem nicht gemäht worden, Moos wächst zwischen den Steinen.

Vor den drei Garagen stehen keine Limousinen, nur ein Kleinwagen. Nebenan, auf der Tennisanlage des BSV Roleber, herrscht Hochbetrieb. Bei den Freunden der Hagens ist die Enttäuschung groß, "dass in all den Jahren nichts passiert ist. Es gibt nach wie vor viele Fragen, aber keine Antworten", sagt ein Bekannter aus Bonn.

Und ein Freund aus Siegburg kann es nicht verstehen, "dass der Junior jeglichen Kontakt zur Familie abgebrochen hat". Klaus lebe seit eineinhalb Jahren auf Malta, sei geschieden, und im Haus der Eltern lebe ein Freund.

Auch nach zehn Jahren gibt es keine Spur von den Eheleuten. Doch Polizei und Familie wollen nicht aufgeben. Ab Dienstag, so Sprecher Frank Scheulen, stehe der Fall wieder auf der Homepage des Landeskriminalamtes NRW ( www.lka.nrw.de). Wegen einer technischen Umstellung war er im Mai von der Fahndungsseite genommen worden.