DRK-Retter erinnert sich

Vor 20 Jahren raste ein Autofahrer in Remagen in eine Pilgergruppe

REMAGEN. Lutz Sengewald erinnert sich genau. Es ist Samstag, der 11. April 1992. Der 27-jährige Remagener Rettungsassistent behandelt gerade ein Dame in Rolandseck, die sich eine Sprunggelenksverletzung zugezogen hat. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bernd Schlägel fährt er die Frau ins Krankenhaus.

Es ist nichts Ernsthaftes, aber die Verletzte hat Schmerzen. Es ist 23.17 Uhr, als Sengewalds "Piepser", eine Art Funkmeldeempfänger, Alarm schlägt. Ein Motorradfahrer sei an der Kapelle zur Schwarzen Madonna in eine Menschengruppe gefahren, so lautete die erste - fälschliche - Einsatzmeldung.

Es war ein Sportwagen, der mit hoher Geschwindigkeit am späten Abend in eine Pilgergruppe gerast war. Vier Tote und 16 Verletzte waren zu beklagen. Es war eines der schwersten Unglücke der vergangenen Jahrzehnte in der Region. "Diesen Einsatz werde ich nie vergessen", so der heute 47-jährige Remagener im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Fotografieren lassen wollte sich der DRK-Angestellte nicht.

Schnell sei man gemeinsam mit einem Notarzt am Unglücksort gewesen, erinnert sich Sengewald. Statt des Motorradunfalles habe man ein Katastrophenszenario vorgefunden, das sich dem Rettungsassistenten bis heute fest in das Gedächtnis gebrannt hat. "Es herrschte eine gespenstische Ruhe, eine Art von stiller Ordnung. Keine Schreie. Kein Chaos", so der DRK-Rettungsassistent über die ersten Sekunden nach seinem Eintreffen. Überall hätten Menschen gelegen, nicht Verletzte hätten sich um die Verletzten gekümmert.

"Schlägel und ich wussten nicht, wo wir anfangen sollten. Wir waren zunächst angesichts der sich bietenden Lage völlig überfordert und haben Großalarm gegeben", blickt Sengewald zurück. Die gerade gebildete "Schnelle Einsatzgruppe" (SEG), DRK-Helfer aus Bad Neuenahr, Notärzte aus Bonn und Siegburg, Feuerwehren aus der gesamten Umgebung eilten herbei, nachdem der DRK-Helfer der Leitstelle einen Überblick über das Ausmaß des Unglücks gegeben hatte. Sengewald: "Das ging alles erstaunlich schnell." Vier Menschen waren tot, 13 waren schwer verletzt, drei wiesen leichtere Verletzungen auf. An den Unfallwagen kann Sengewald sich nicht mehr erinnern. Auch nicht an den Fahrer. Der war damals 22 Jahre alt und hatte sich stark alkoholisiert vom Unfallort entfernt, nachdem er von der schnurgerade verlaufenden Straße aus, an der sich heute die Fachhochschule befindet, ungebremst in die Pilgergruppe gerast war, die an der Kapelle gerade von Pfarrer Klaus Birthel den Schlusssegen empfangen hatte.

Später wurde der aus Unkelbach stammende Fahrer des Unglückswagens verurteilt und musste ins Gefängnis. 50 Minuten, so schätzt Sengewald, habe es etwa gedauert, bis alle bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogenen Menschen versorgt und abtransportiert worden seien. Er selbst habe zwei schwer Verletzte zum Venusberg gefahren. Danach war der Einsatz für den Familienvater vorbei. Das Geschehene und Gesehene habe er zwar in Erinnerung, jedoch sei er zu keinem Zeitpunkt traumatisiert gewesen. "Wir haben im Kollegenkreis aber auch privat monatelang, ja jahrelang über das Unglück gesprochen - als eine Art von aktiver Stressbeseitigung", sagt Sengewald.

Knapp ein Jahr später sollte der Mann, der bis heute rund 25.000 Einsätze gefahren hat, mit einer neuen Katastrophe konfrontiert werden: Zwei junge, alkoholisierte Frauen, hatten tief in der Nacht die Bundesstraße 9 in Bad Breisig überqueren wollen und liefen plötzlich über die Straße, als sich ein Rettungswagen - mit Blaulicht und Martinshorn - näherte. Beim Zusammenstoß wurden beide Frauen sofort getötet. Zur Besatzung des Rettungswagens gehörte Lutz Sengewald.