Villa Genienau: "traumhafte Location am Rhein"

Monumentalbau erstrahlt in neuem Glanz - Seit 1997 ist der Augenarzt Friedrich Schlieter Besitzer des Prachtbaus in Mehlem - In wechselvoller Geschichte war das Gebäude Schauplatz düster-tragischer Ereignisse

Mehlem. Die Villa Genienau, am Rheinufer im südlichen Mehlem gelegen: die Architektur lehnt sich an antike Villen und Tempelbauten an, die Geschichte des Hauses erinnert an Aufstieg und Fall des römischen Reiches, wobei der Aufstieg kurz, der Fall lang war.

Vor knapp 100 Jahren wurde das Anwesen in einem Anflug von Größenwahn von dem Geologen Paul Grosser erbaut, war nicht lange danach Schauplatz düster-tragischer Ereignisse, in den fünfziger Jahren dann nüchterne Fabrikationsstätte für Puppen und sank schließlich zum trostlosen Materiallager des Technischen Hilfswerks (THW) herab.

Seit 1997 ist der Augenarzt Friedrich Schlieter Besitzer des Monumentalbaus. Damals kommentierte er den Erwerb mit den Worten: "Sinnvoll war der Kauf nicht." Ihm sei es aber darum gegangen, "diese wundervolle Villa zu erhalten."

Kürzlich lud der Hausherr die Bevölkerung zur Besichtigung ein. Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit, sich über den Stand der Restaurierungsarbeiten zu informieren. Den originalen Zustand der gesamten Anlage wiederherzustellen, dürfte allerdings unmöglich sein.

So musste man bereits zu Beginn der Visite, die direkt hinter dem wuchtigen Rolltor aus THW-Zeiten startete, die Phantasie bemühen. Denn das heutige Tor war keinesfalls schon immer die Einfahrt. Der lag, wie der Leiter der Unteren Denkmalbehörde, Franz-Josef Talbot erläuterte, wahrscheinlich auf dem Gelände des heutigen Campingplatzes.

Dort steht noch das schmucke Pförtnerhaus, jetzt Wohnhaus der Campingplatzbesitzer. Und auch die beiden Rampen, auf denen die Kutschen zum ersten Stock, der "Bel étage", vorfuhren, sind verschwunden. Vermutlich in der Zeit der Nutzung durch die Puppenfabrik Dittmann zwischen 1952 und 1960 wurden sie abgerissen, ebenso wie die grandiose Freitreppenanlage auf der Rückseite. Grund: ein für LKWs bequem zu fahrender Rundkurs musste geschaffen werden.

Auch danach wurde der ursprüngliche Zustand der Villa mehrfach verändert: das THW z.B. zog neue Zwischendecken ein, um mehr Lagerplatz zu gewinnen. Mittlerweile hat Friedrich Schlieter die rückwärtige Freitreppe wieder herstellen lassen. Grundlage für die Rekonstruktionsarbeiten lieferten alte Fotos sowie ein Säulenelement des Geländers, das sich zufällig noch im Bauschutt fand.

Die Villa, deren Architektur Züge eines griechischen Tempels aufweist, sei für ein privates Wohngebäude der Zeit der Jahrhundertwende eher "untypisch", erklärte Talbot.

Die Wohnhaus-Architektur um die Wende zum 20. Jahrhundert ging andere Wege, gab sich "englisch", bevorzugte niedrigere Decken und kleinere Zimmer. Als Tribut an den Zeitgeist des Jugendstils weist die Villa allerdings geometrisierende Balkongitter oder Blumenbouquets aus Stuck über den Türen im Inneren auf.

Paul Grosser, so Talbot, habe sich mit diesem Bau vermutlich den "Wunschtraum" eines Arkadiens am Rhein erfüllt. Die Landschaft zwischen Drachenfels und Rolandsbogen war romantisch getönte Kulisse für die Utopie eines Lebens im Einklang mit der Natur. Das Ehepaar Grosser, selbst Vegetarier, hielt auf dem Anwesen Pferde, Kühe, Ziegen und Hühner. Die Stallungen befanden sich im Erdgeschoss der Villa.

Die Wohnräume wurden im Laufe der Jahre immer mehr zu einem Privat-Museum. Die Grossers, kinderlos, horteten hier, was sie von mehreren Weltreisen mitbrachten. Am 13. September des Jahres 1911, sechs Jahre nach dem Einzug, endete die scheinbare Idylle jäh: Eugenie beging Selbstmord, wenige Tage später, am Abend nach ihrer Beerdigung, erschoss sich ihr Mann.

Seit 1992 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Friedrich Schlieter kommentiert die Frage nach der Zukunft des Hauses knapp und mit verschmitztem Gesicht: "Es ist ein Einfamilienhaus". Nur einen der beiden Seitentrakte will er allerdings für private Wohnzwecke nutzen. Die übrigen Räume der "Bel étage" wurden in repräsentativem Stil wieder hergestellt.

Türen, Wände und kostbare Stuckverzierungen strahlen in hellem Weiß, den Holzboden im großen Salon ziert ein vom Hausherrn selbstentworfenes Muster, das Anleihen bei barocken Illusionstechniken macht. Sogar ein elegantes Badezimmer gehört zu diesem eindrucksvollen Ensemble.

Friedrich Schlieter setzt auf Mehrfachnutzung. Durch eine Bad Godesberger Eventagentur bietet er die Villa Genienau als "traumhafte Location am Rhein" an. Auf die Frage, ob das Anwesen fertig restauriert sei, folgt ein typisches Schlietersches Statement: "Das Ganze ist mein Hobby", meint er trocken. Will sagen: eine Lebensaufgabe.