"Verfolgung fängt im Kopf an"

<b>Gedenken im Alten Rathaus:</b> (von links) Christa Wangenheim, Susanne Miller, Bärbel Dieckmann und Michael Schneide.

<b>Gedenken im Alten Rathaus:</b> (von links) Christa Wangenheim, Susanne Miller, Bärbel Dieckmann und Michael Schneide.

Gedenkstunde zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Bonner Rathaus

Bonn. Zu mehr Engagement im Kampf gegen rechtes Gedankengut hat Professor Michael Schneider, Leiter des Archivs der Friedrich-Ebert-Stiftung, aufgerufen.

"Wehrhafte Demokratie bedeutet auch, dass Bürger ihre Werte offensiv nach außen verteidigen müssen", betonte Schneider die Verantwortung des Einzelnen während der Gedenkstunde zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Alten Rathaus. Moralische Verurteilung des Gewesenen allein reiche nicht, plädierte er für Wachsamkeit gegenüber aktuellen Entwicklungen. "Verfolgung fängt im Kopf an."

In seinem Vortrag "Terror mit System: Politische Verfolgung im Dritten Reich" hob Schneider die Breite und Brutalität der nationalsozialistischen Verfolgung hervor. So seien keineswegs nur erklärte Gegner in die Mühlen des Regimes geraten.

Durch die Politisierung des Privaten konnte jede unbedachte Äußerung zum Staatsvergehen werden. Dennoch sei das Bild von der "allgegenwärtigen Gestapo" ein Mythos, so Schneider. "Das Regime stabilisierte sich durch eine sich selbst überwachende Gesellschaft." Wie real der politische Terror auch in Bonn war, machte Horst-Pierre Bothin vom Stadtmuseum Bonn deutlich. "Die jetzigen Fraktionsräume wurden von der SA genutzt, im Hof befanden sich Arrest-Zellen", erinnerte er an die Spuren des Terrors im Alten Rathaus.

Exemplarisch stellte er drei Bonner Schicksale vor, an denen deutlich wurde, "wie man in politische Verfolgung geraten konnte". Nikolaus Wasser kämpfte als KPD-Mitglied gegen das Regime, Heinrich Ruster, katholischer Pazifist und Intellektueller, wurde wegen regimekritischer Äußerungen denunziert, Michal Jovi war schon als Jugendlicher im Widerstand aktiv. Alle drei bekamen die ganze Härte und Willkür des Nazi-Regimes und seiner Vertreter in Bonn zu spüren.

Herzlichen Applaus erhielt Karl Gutzmer, der wegen seines aktiven Widerstands verfolgt worden war und an diesem Abend im Alten Rathaus zugegen war. Die Bedeutung des seit 1995 begangenen Gedenktags hob Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann hervor: "Ich wünsche mir, dass wir durch diesen Abend Mut und Kraft gewinnen, so zu handeln, dass sich so etwas nicht wiederholt".