Tütenüggel: Ein wunderlicher Mensch

Auch wenn es hier nicht nur um Schimpfwörter gehen soll, an dem mehrfach genannten Tütenüggel (oft als Tüütenüggel gesprochen) kommt man einfach nicht vorbei. Der ist ein wunderlicher Mensch, ein Tolpatsch oder Dummkopf.

Neuerdings ist ein Typus hinzugekommen, den es früher gar nicht gab: das Weichei und der Frauenversteher. Woran man sieht, dass die Bezeichnung keineswegs veraltet, sondern noch quicklebendig ist.

 Gerade diese Bedeutungsvariante macht auch die Entstehungslegende des Wortes nachvollziehbar, die man allerorten hört oder liest. Danach ist der Tütenüggel ein Muttersöhnchen, das innerlich ein Säugling geblieben ist und immer noch an der Mutterbrust nuckeln will. Nicht umsonst ist ein Nüggel in unserer Region auch ein Babyschnuller oder eine Saugflasche.

 Diese Herleitung ist allerdings falsch, sie beruht nur auf der Lautähnlichkeit. Dagegen spricht schon, dass im Rheinischen die weibliche Brust ausschließlich Mämme (oder ähnlich) heißt - ein Brustnuckler ist der Tütenüggel also auf keinen Fall. Was ist er dann?

In der Eifel und im Huns-rück kennt man das Verb tötern für "einfältig schwatzen" oder "sich träge bewegen", deshalb ist ein Töternickel dort auch ein dummer oder ungeschickter Mensch.

Das Grundwort Nickel ist nichts anderes als die rheinische Kurzform von Nikolaus, und der Tütenüggel nichts anderes als die zentralrheinische Variante des Töternickel. Und da die Bewohner der Eifel in Bonn schon immer als Hinterwäldler galten, ist dieser sprachliche Import nur logisch.

Info

In der Serie "Sprechen Sie Rheinisch?!" erläutern Sprachwissenschaftler des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte drei Mal wöchentlich die Herkunft und Bedeutung interessanter rheinischer Begriffe. Haben auch Sie ein Lieblingswort, dann mailen Sie uns unter rheinisch@ga-bonn.de.