Interview mit Sprachforscher Cornelissen

Stirbt der rheinische Dialekt aus?

Rheinisch: Die Bönnsche Bimmel fuhr dereinst durch Bonn.

Rheinisch: Die Bönnsche Bimmel fuhr dereinst durch Bonn.

Bon. Der Sprachforscher Georg Cornelissen spricht im Interview über die Geschichte des Rheinischen und seine Stellung als Alltagssprache. So steht es um die Zukunft des rheinischen Dialekts.

Der rheinische Dialekt ist nicht mehr die vorherrschende Alltagssprache in Bonn und der Region. Dennoch ist sie zu vielen Gelegenheit wahrnehmbar und entwickelt sich. Darüber sprach Sprachforscher Georg Cornelissen vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit GA-Redakteur Jörg Manhold.

Ist das Rheinische ein Dialekt oder eine ganz eigene Sprache?

Cornelissen: Das Bönnsche als Beispiel ist sowohl eine eigene Sprache als auch ein Dialekt des Deutschen. Das gilt für jedes örtliche Idiom. Weil es wie jede Sprache auch einen eigenen Wortschatz hat, eine eigene Grammatik, ein eigenes Lautinventar, eigene Regeln für die Satzbildung. Allerdings ist jeder Dialekt viel älter als das Hochdeutsche. Hier wurde im 16. Jahrhundert das Hochdeutsche übernommen. Das ist eine hierher eingewanderte Sprache. Davor sprachen alle schon Dialekt. Der funktionierte zu diesem Zeitpunkt schon seit gut 1000 Jahren. Dann kam eine andere Sprache hinzu. Luther ist nicht allein der, der die Wende brachte. Man kann sie aber sehr gut mit seiner Bibelübersetzung synchronisieren.

Gilt dieser Befund für alle deutschen Dialekte?

Cornelissen: Ja, aber die Situation war dennoch überall anders. In Sachsen und Franken war die neue Sprache viel näher an der alten Sprache als hier. In Bonn und in Köln hat jeder gemerkt, da kommt was anderes. Da unten konnte sich das Hochdeutsche darstellen wie eine Modernisierung der eigenen Sprache, während es hier die Übernahme einer fremden Sprache war. Bis dahin war der Dialekt eine voll funktionierende Sprache. Jetzt kam eine neue hinzu, und zwar als überdachende Sprache und als Prestigesprache. Aus Bonner Sicht kam das aus dem Osten bzw. aus dem Süden.

Nicht aus Hannover?

Cornelissen: Zu dem Zeitpunkt muss man Hannover ausblenden. Die Basis, auf der sich das Hoch-deutsche entwickelte, ist ostmitteldeutsch und fränkisch, man kann sich also orientieren an Nürn-berg, Würzburg oder Dresden.

Sind Bönnsch und Kölsch eigene Sprachen oder kann man sie übergeordnet als Rheinisch subsummieren?

Cornelissen: Ich kann Bönnsch und Kölsch sehr schön zusammenfassen. Es kommt auf die Kriterien an. Bönnsch war immer im Austausch mit den benachbarten Dialekten.

Dann gab es ab dem 16. Jahrhundert im Rheinland zwei verschiedene Sprachen, nämlich Rheinisch und Hochdeutsch?

Cornelissen: Ja, da gab es plötzlich die Frage, wie spreche ich wann mit wem. Das geschieht meist unbewusst. Mit dem Arzt spreche ich anders als mit dem Handwerker. Die meisten von uns sind maximal flexibel. Wir können auf so viele Arten sprechen. Ich kann Hochdeutsch mit rheinischem Akzent sprechen, aber auch tiefes Platt. Ab dem 16. Jahrhundert hatte man die Sprachwahl, beim Sprechen und beim Schreiben. Damals konnten allerdings nur wenige schreiben. Ab 19. Jahrhundert konnten dann schon deutlich mehr Menschen Hochdeutsch lesen und schreiben. In puncto Prestige hatte der Dialekt im Rheinland Anfang des 20. Jahrhunderts ganz klar verloren. Wer etwas auf sich hielt, tendierte dazu, immer häufiger Hochdeutsch zu sprechen und über diese Sprache seinen gesellschaftlichen Stand zu dokumentieren.

War das überall so?

Cornelissen: In Bayern und Köln war das lange anders. Dass das Kölsche lange Zeit viel vitaler war, hatte damit zu tun, dass sich in Köln die Haute volée nicht durch die Sprache abgesetzt hat. Man hat seine Stellung anders gezeigt.

Warum war das so?

Cornelissen: In der Schweiz hat es kein Professor nötig, sich durch Hochdeutsch abzusetzen. In der Schweiz ist der Dialekt die allgemeine Sprache für den Alltag. Heute ist Bönnsch eine Gelegenheits-sprache. Jeder Dialektsprecher kann diese Gelegenheiten nennen: Mit wem und wann er Platt spricht.

Sind das Situationen der Vertrautheit?

Cornelissen: Vertrautheit ist das Stichwort. Dass heute jemand hier einen Fremden im Dialekt anspricht, ist total ungewöhnlich. Das traut man sich nicht mehr. Vertrautheit, Bekanntheit und das Lebensalter sind entscheidend. Die meisten Dialektsprecher sind alt an Jahren. Ich spreche keinen 30-Jährigen im Dialekt an. In Köln hat jemand vor ein paar Jahren ein interessantes Experiment gemacht. Der Mann wollte ein halbes Jahr nur Kölsch sprechen. Und dann hat er sich zu fremden Leuten gesetzt und sie auf Kölsch angesprochen. Die Erfahrungen waren gar nicht positiv. Er hat das Experiment abgebrochen. Auch in Köln funktioniert das nicht mehr. Und in Bonn schon mal gar nicht.

Warum ist das so?

Cornelissen: Ein Grund ist, der Dialektsprecher könnte glauben, Sie halten ihn für eine Person ganz niederen Standes. Das läuft darauf hinaus, dass man nur mit denen Dialekt spricht, von denen man weiß, dass sie auch Dialekt sprechen können. So wird der Dialekt zu einer innerörtlichen Sprache, nur dort gesprochen, wo ich die Leute kenne.

Aber warum hat sich das in Bayern und der Schweiz anders entwickelt?

Cornelissen: Man kann da Elemente benennen. In Bayern und der Schweiz sind Dialekt und Hochdeutsch kompatibel. Das ist in Bonn nicht der Fall. Dort unten kann man viel mehr zwischen den Sprachen gleiten. Im Süddeutschen gibt es viel mehr Übergangsformen. Da sind das die Pole, zwischen denen ich mich bewegen kann. Hier ist das Hochdeutsche eine echte Fremdsprache. Dass es in Köln ein bisschen anders ist, kann mit dem Selbstbewusstsein des Kölners überhaupt zusammen hängen, denn Köln ist von jeher die Metropole. Der Dialekt musste weniger verleugnet werden.

Aber auch in Köln bröckelt der Dialekt?

Cornelissen: Ja, total. Es gibt keinen Dialekt, über den man sich so viele Illusionen macht wie das Köl-sche. Das liegt natürlich an der medialen Präsenz des Kölschen. Das ist deutschlandweit einmalig: Karneval und kölsche Lieder. Wir könne nicht gut unterscheiden zwischen Mediendialekt und Alltagsdialekt. Wenn Sie aber durch Köln gehen, machen Sie eine ganz andere Spracherfahrung. In Köln geht auch die Tendenz Richtung Vertrautheit.

Kann man denn sagen, dass der Dialekt ausstirbt?

Cornelissen: Der Dialekt ist, das habe ich schon gesagt, inzwischen zu einer Gelegenheitssprache geworden. Vor 100 Jahren hieß der Dialekt noch „Volkssprache“. Heute ist er auf dem Weg zum Soziolekt einer bestimmten soziologischen Gruppe. Und das sind die ortsfesten Älteren. Der Dialekt hat ja ganz stark damit zu kämpfen, dass er als Sprache eines Ortes gesehen wird. Eigentlich weiß jeder, dass der Dialekt der Nachbarn so ähnlich ist, aber es wird auf die Unterschiede zwischen den Orten fokussiert. Das heißt, dass man den Dialekt an die ganz kurze Kette legt. Aber: Man kann mit Bönnsch prima in Brühl und Siegburg kommunizieren.

Ist das eine Frage der Identitätsstiftung?

Cornelissen: Das berührt einen ganz großen Pluspunkt des Dialektes: Er kann ungewöhnlich gut zur Identifikation mit dem Ort beitragen.

An mancher Stelle wird eine große Varianz des Dialekts toleriert, andererseits streitet man sich um Kleinigkeiten?

Cornelissen: Viele Mundartstammtische enden mit blutigen Köpfen. Das kann man den Mundartsprechern eigentlich auch gar nicht vorwerfen. Es geht ja um das Nachdenken über Sprache, und dabei muss man sich sehr sehr offen machen und nicht mit richtig und falsch argumentieren. Es gibt Eheleute, die sprechen miteinander Platt, und die sprechen unterschiedlich. Es gibt Leute, die sind auf derselben Straße groß geworden, und die sprechen unterschiedlich. In Godesberg sagen die einen zu Döppekochen Knüles und die anderen Kühles. Und wenn sie sich darüber streiten wollten, was ist richtig oder falsch, dann wäre Ende im Gelände. Die Leute übersehen oft, dass jeder Dialekt – und da kann das Dorf noch so klein sein – Varianten aufweist. Manche Varianten verschwinden, andere halten sich über 200 Jahre. Wir wissen nicht warum!