Ölunfälle bei Shell in Wesseling

Sechs Lecks und keine Antworten

NRW-Umweltminister Johannes Remmel besichtigt die Baustelle über dem Kerosin-Leck bei Shell in Wesseling.

WESSELING. Bis heute ist unbekannt, welche Ausmaße der Kerosinsee angenommen hat. Ortstermin mit NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Es ist ein eisiger Tag Anfang Februar, der Frost hat Deutschland fest im Griff. Noch ahnt niemand, was sich gerade auf dem Gelände der Shell Raffinerie Rheinland in Wesseling anbahnt, denn es geschieht etwa zwei Meter unter der Erde und auch die Kontrollsysteme der Öl-Raffinerie schlagen nicht an.

Die Wahrheit darüber, was genau passiert ist, wird in den darauf folgenden Monaten genauso schleichend an die Oberfläche gelangen, wie eine Million Liter Kerosin in den Boden sickern.

Alles beginnt ganz unspektakulär: Die Isolation in einer 70 Jahre alten Kerosinleitung ist defekt. Das elektrische Schutzsystem einer nahe gelegenen Wasserleitung hat dazu geführt, dass sie korrodierte. In der unterirdischen Pipeline wird Kerosin aus dem Wesselinger Werk in ein Tankfeld befördert. Nach heutigem Standard würden hier doppelwandige Rohre eingesetzt, doch die Leitung aus dem Jahr 1942 ist einwandig. Es entsteht ein fünf Millimeter großes Loch.

Sukzessive sickert von da an das Kerosin in den Boden; Tag für Tag, Woche für Woche, ohne dass es jemand bemerkt. Denn das Kontrollsystem der Firma Shell schlägt erst bei 5000 Litern pro Stunde Alarm. Leichte Schwankungen in der Anzeige werden zwar bemerkt, aber dem Frost zugeschrieben, denn Kerosin zieht sich bei Kälte zusammen.

Am 25. Februar fällt der Verlust einer zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Menge Kerosin schließlich auf. Shell legt die betroffene Leitung still. Drei Tage später informiert die Firma die Öffentlichkeit. Die Suche nach dem Loch beginnt. Eine Woche vergeht, bis das Leck lokalisiert wird. Es befindet sich an der auch den Bürgern zugänglichen Waldstraße in Wesseling. Die Stelle wird freigelegt. Einige Tage später teilt das Unternehmen mit, dass durch das ausgelaufene Kerosin Boden verunreinigt wurde. Die ausgetretene Menge bleibt weiter unbekannt.

Danach hört man länger nichts mehr von dem Fall. 500 Kubikmeter kontaminierte Erde werden ausgehoben und abtransportiert. Die Anwohner fragen sich, was wohl aus dem Leck geworden ist und wann geklärt wird, wie groß der Schaden eigentlich ist.

Erst drei Monate, nachdem der Störfall auffiel, gibt es dazu eine erste Zahl: Die Menge des Flugbenzins "wurde auf 846 Tonnen beziffert. Bei dem Gebiet handelt es sich um ein rund 120 Quadratmeter umfassendes und bis zu sechs Meter tiefes Areal", heißt es nüchtern in der Pressemitteilung von Shell. Die 846 Tonnen entsprechen mehr als einer Million Liter Kerosin.

Riesiger Kerosinsee

850 Tonnen auf nur 120 Quadratmetern? Dass da irgend etwas nicht stimmen kann, rechnen schnell findige Leser des General-Anzeigers aus, der daraufhin beim Unternehmen nachhakt: Erst dadurch kommt heraus, dass das Kerosin bis ins sieben bis neun Meter tiefe Grundwasser gesickert ist. Dort schwimmt es seither oben auf und bildet einen riesigen Kerosinsee.

Als im Juni das Ausmaß des Störfalls deutlich wird, werden erste kritische Stimmen laut. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erwägt, Strafanzeige gegen Shell zu stellen und lässt sich einen umfangreichen Fragenkatalog beantworten. Daraufhin wird auch die Bezirksregierung Köln aktiv und erlässt eine erste Ordnungsverfügung gegen Shell. Die Firma wird verpflichtet, einen Brunnen zu errichten, der das Grundwasser reinigt.

Im Laufe des Julis schickt Shell Details zur Ursache des Lecks heraus. Der defekte Korrosionsschutz spielt hier eine Rolle. Erst jetzt wird klar, dass 1700 Liter Kerosin pro Stunde unbemerkt ins Erdreich sickern konnten, vier Wochen lang. Ende Juli meldet Shell einen weiteren Vorfall: Wasserstoff sei in einer "Undichtigkeit in einer Entschwefelungsanlage" ausgetreten, eine gesundheitliche Gefährdung habe nicht bestanden.

Durch Presseberichte wird Ende August die Staatsanwaltschaft Köln hellhörig. "Wir ermitteln gegen Unbekannt", berichtet Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Anfang September wird dann ein "Altschaden" bekannt, der nicht in Zusammenhang mit dem Störfall im Februar steht. Die Bezirksregierung teilt mit, dass sie Shell schon am 21. August aufgefordert hatte, hierzu einen Bericht abzuliefern. Was es mit dem Altschaden auf sich hat, ist bis heute nicht geklärt. In einem Zwischenbericht heißt es, der genauere Umfang müsse noch untersucht werden.

Ende September wird klar: Der Sanierungsbrunnen, den Shell auf Geheiß der Bezirksregierung Köln einrichten musste, pumpt das Kerosin nicht in der erhofften Leistung ab. Er hat bis dahin erst 17 000 der eine Million Liter Kerosin abgepumpt. Daraufhin wird eine leistungsstärkere Pumpe installiert.

Es wird Oktober. Die Bezirksregierung verfügt mehrmals, dass Shell weitere Messstellen und Sanierungsbrunnen einrichten muss. Zwölf der bis dahin 20 Grundwassermessstellen finden Kerosin. Es wird schließlich klar: Der Kerosinsee ist nicht nur größer, als bisher angenommen, sondern auch noch größer geworden. Welche Ausmaße er annimmt, ist bis heute unbekannt. "Dazu können wir noch nichts sagen", wiederholte Shell-Sprecher Constantin von Hoensbroech am Donnerstag anlässlich des Besuchs von NRW-Umweltminister Johannes Remmel immer wieder.

Aus einem Bericht des Umweltministeriums NRW geht hervor, dass in einer Entfernung von 175 Metern vom Leck in Grundwassermessstellen noch Kerosin gefunden worden ist. Die nächsten Trinkwasserbrunnen des Wasserwerks Urfeld liegen etwa einen guten Kilometer weit entfernt. Während sich die Bevölkerung fragt, ob das Trinkwasser gefährdet sein könnte, meldet Shell der Bezirksregierung gleich zwei weitere Lecks.

"Heart-Cut"

Am 2. Oktober traten einem Gutachter der Bezirksregierung zufolge rund 4300 Liter des krebserregenden und als umweltgefährlich eingestuften Stoffs "Heart-Cut" aus einer oberirdisch verlaufenden Leitung im Godorfer Teil der Raffinerie aus. Shell hatte dagegen gemeldet, dass schätzungsweise 1200 Liter ausgelaufen seien. Erst am 5. Oktober meldet Shell der Bezirksregierung diesen Fall - die Presse erfährt davon noch später: am 18. Oktober.

Zu diesem Zeitpunkt ist in Godorf schon ein weiteres Leck aufgetreten: Am 10. Oktober, etwa eine Woche nach dem Heart-Cut-Fall, wird in einer einwandigen oberirdischen Heizölleitung ein Schaden festgestellt. Rund 500 Liter des Wasser-Heizöl-Gemischs werden abgepumt, der Boden abgetragen und untersucht.

Nur neun Tage später gibt es noch ein Leck: Nach ersten Einschätzungen sind auf einer ein bis drei Kubikmeter großen Fläche Rückstände aus der Rohölverarbeitung, so genannte Slops, durch ein Leck in einer oberirdischen Leitung in Godorf in die Erde gelangt. Damit nicht genug. Vergangenen Dienstag, und somit nur vier Tage später, kommt es im Godorfer Werk zum vierten Leck innerhalb eines Monats. Nach ersten Erkenntnissen sind dabei 100 Liter eines Naphta-Wassergemischs ausgetreten, einem Rohöl, dass als ein Bestandteil von Benzin zum Einsatz kommt. Auch hier gelangt das Produkt in den nicht versiegelten Boden.

Daraufhin gibt es empörte Reaktionen aus verschiedenen politischen Lagern. "Kerosin, Crack-Benzin, Heizöl, Rückstände aus der Rohölverarbeitung und nun ein Rohöl-Wassergemisch: Was muss eigentlich noch alles an grundwassergefährdenden Stoffen in den Boden sickern, bevor die zuständigen Behörden konsequent handeln?", fragt etwa Josef Hovenjürgen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU in NRW.

Trinkwassergefährdung

Das Kerosin vom Typ Jet A1, das ins Wesselinger Grundwasser gelangt ist, enthält nach Angaben von Shell keine Zusatzstoffe wie etwa Benzol. Laut BUND-Chef Paul Kröfges gibt es im Jet A1 dagegen durchaus zwei relativ gut wasserlösliche Zusatzstoffe, die hoch giftige Stoffe wie Phenol und Ethylbenzol enthalten. Laut Kröfges birgt das Kerosin im Grundwasser eine "latente Gefahr für die Wasserversorgung".

Es wäre ein Extremfall, der aber möglich sei. Ein Extremfall deshalb, da die Fließrichtung des Grundwassers nicht zu den etwa einen Kilometer entfernten Trinkwasserbrunnen hin, sondern entgegengesetzt verläuft. Auch bei veränderten Pegelständen, die zu einer Richtungsänderung des Wassers führen können, ist das Wasser bisher noch nie in diese Richtung geflossen. Das Kerosin schwimmt auf dem Grundwasser, mit dem es sich fast gar nicht vermischt.

Chronologie der Ereignisse

  • Februar: Der Kerosinverlust in einer unterirdischen Leitung der Wesselinger Shell-Raffinerie beginnt. Das Leck wird erst vier Wochen später erkannt. Shell stellt die Leitung ab.
     
  • März: Das Leck wird lokalisiert. Shell teilt mit, dass Boden verunreinigt wurde.
     
  • Ende Mai/Juni: Erst jetzt wird klar: Mehr als eine Million Liter Kerosin sind ins Grundwasser gelangt. Die Bezirksregierung Köln erlässt eine erste Ordnungsverfügung. Als Ursache des Lecks werden Probleme mit dem Korrosionsschutz angegeben.
     
  • Ende Juli: Der erste und bis jetzt einzige Sanierungsbrunnen nimmt seine Arbeit auf. Durch ein Leck in einer Entschwefelungsanlage tritt Wasserstoff aus.
     
  • August: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt.
     
  • September: Ein Altschaden wird entdeckt, der bis heute noch nicht näher definiert werden konnte. Die Pumpe im Sanierungsbrunnen muss ersetzt werden.
     
  • Oktober: Im Werk Godorf tritt jeweils am 2., 10., 19. und 23. Oktober ein neues Leck auf. Jedes Mal wird der Boden mit einem anderen Produkt verunreinigt, darunter krebserregende Stoffe wie "Heart-Cut". In diesem Fall vom 2. Oktober ermittelt die Staatsanwaltschaft nun auch.