Schwere Missstände auch im ehemaligen Kinderheim in Hennef?

20 Jahre lang - von 1953 bis 1973 - war Schloss Allner bei Hennef ein Kinderheim. Dort lebten überwiegend Säuglinge, Kleinkinder und Kinder, die das Schulalter noch nicht erreicht hatten. Doch mit der Obhut scheint es damals in dem malerischen Schloss nicht so weit her gewesen zu sein.

Hennef. 20 Jahre lang - von 1953 bis 1973 - war Schloss Allner bei Hennef ein Kinderheim. Dort lebten überwiegend Säuglinge, Kleinkinder und Kinder, die das Schulalter noch nicht erreicht hatten. Es waren Waisenkinder, aber auch sehr viele uneheliche Kinder, die von ihren Müttern in die Obhut der "Schwestern vom kostbaren Blut", einem katholischen Frauenorden, gegeben wurden. Heute besteht das Schloss aus Eigentumswohnungen.

Doch mit der Obhut scheint es damals in dem malerischen Schloss nicht so weit her gewesen zu sein. Schon in den frühen 60er Jahren wurden die Missstände amtlich, tauchten in Berichten des Kreises und des Landschaftsverbandes Rheinland auf.

Mit den weit zurück liegenden Zuständen in Allner befasst sich derzeit auch die Caritas in Bonn, in deren Besitz das Kinderheim in Allner bis zu seiner Schließung 1973 war.

Im Zuge der aktuellen Diskussionen um Missstände, Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen ist auch die Caritas in Bonn dabei, die eigene Verbandsgeschichte aufzuarbeiten. Das Problem: Es gibt bei der Caritas so gut wie keine Unterlagen mehr über das in Vergessenheit geratene Säuglings- und Kinderheim.

Im Internet haben die Verantwortlichen Hinweise darauf gefunden, "dass es Menschen geben könnte, die durch den Aufenthalt in dem damaligen Kinderheim zu Schaden gekommen sind", sagt Caritasdirektor Jean-Pierre Schneider. Seine Pressesprecherin Mechthild Greten ergänzt: "Wir haben Besorgnis erregende Hinweise auf Missstände in dem Heim gefunden.

Die nehmen wir sehr ernst und wollen sie rückhaltlos aufklären. Wir wollen Klarheit und wollen uns dem stellen und nicht wegschauen." Die Missstände in Schloss Allner waren offenbar schon in den 60er Jahren aktenkundig. Am 12. April 1965 besuchten Mitarbeiter des Kreisgesundheitsamtes das Kinderheim, in dem bis zu 120 Kinder lebten. Das Fazit des Berichtes: "Eine ordnungsmäßige Leitung des Kinderheimes ist zur Zeit nicht gegeben.

Das Heim ist praktisch führungslos. Der Personalbestand an ausgebildetem Fachpersonal ist völlig unzureichend. Das bedingt, daß auf den einzelnen Stationen in der Pflege und Erziehung völlig ungeeignetes Personal eingesetzt ist. Bei dem wenigen Fachpersonal ist das Heim überbelegt.

Es wird noch darauf hingewiesen, daß entgegen der jetzigen Handhabung geistig geschädigte Kinder nicht aufgenommen werden dürfen." Dem Bericht scheinen damals allerdings keine Taten gefolgt zu sein, der Betrieb des Heimes ging ohne große Änderungen weiter. Bei der Visite hatten die Mitarbeiter des Kreises erhebliche hygienische Mängel festgestellt.

Kontakt Ehemalige Bewohner des Heimes oder Menschen, die etwas über die Zustände dort berichten können, können sich an die Caritas in Bonn, Telefon (02 28) 10 82 09 oder an eine unabhängige Ombudsfrau unter (01 78) 9 09 55 82 wenden.

Unter anderem hatten sie verschimmelte Essensreste in der Küche und verdorbene Lebensmittel im Kühlraum, verdreckte Wickeltische und verschmutze Kinderkleidung entdeckt. Zudem gab es offenbar auch Probleme in der medizinischen Versorgung der Säuglinge und Kleinkinder. Allerdings: Über die Kinder, ihren Zustand oder ihr Wohlergehen, verliert der amtliche Bericht kein einziges Wort.

Das holen ehemalige Bewohner des Heimes in einem Internet-Blog nach. Dort wird von Vernachlässigung, medizinischer Nicht- oder Unterversorgung berichtet, von Verwahrlosung der Kinder, von Krankheiten, Prügel und sogar von mehreren Gelbsuchtepidemien.

In vielen Fällen sollen Kinder, die aus dem Heim heraus an Pflegefamilien vermittelt, zur Adoption freigegeben oder in andere Kinderheime verlegt wurden, unter schweren körperlichen Schäden gelitten haben, Bettnässer gewesen sein oder schwer sprachgestört gewesen sein.

Über sexuellen Missbrauch wird in dem Blog jedoch nicht berichtet. Einzig ein Eintrag berichtet darüber, dass Mädchen aus dem Heim an Wochenenden "fortgebracht" worden sein sollen und nach dem Wochenende "völlig verstört" wieder zurückgekehrt seien.