Scherbach wurde Zuflucht vor den Nazis

Rheinbachs Stadtarchivar Dietmar Pertz erforschte die Geschichte des "Kommunistenhauses". Während einer Fahrradtour durch die Rheinbacher Höhenorte war Pertz auf das Gebäude und seinen Namen aufmerksam geworden.

Rheinbach. Von den Windröschen, die in ihrer Kinderzeit dort oben blühten, schwärmt die 70-jährige Gisela Erb noch heute. Gerne denkt die Wahlberlinerin und gebürtige Scherbacherin an den zu Rheinbach gehörenden Weiler zurück.

Denn er ist ihr und ihren ebenfalls in Berlin ansässigen Schwestern Elke (72) und Ute (69) Erb als das "Bilderbuchland" in Erinnerung, in dem sie "den Nationalsozialismus überwinterten" und während des Krieges und in der Nachkriegszeit von 1938 bis 1949 eine idyllische Kindheit verlebten. Das Haus der Familie ging als "Kommunistenhaus" in die Ortsgeschichte ein.

Rheinbachs Stadtarchivar Dietmar Pertz hat sich unter dem Titel "Den Nationalsozialismus überwintern. Die Geschichte des Kommunistenhauses Scherbach Nr. 10" damit befasst.

Während einer Fahrradtour durch die Rheinbacher Höhenorte war Pertz auf das Gebäude und seinen Namen aufmerksam geworden. Seine Recherchen führten zu einer ehemaligen Nachbarin der Familie Erb, Christine Kott (geborene Weber), sowie zu den in Berlin lebenden Töchtern der Erbauer des Hauses, Ewald und Elisabeth Erb.

Im Jahr 1937 hatte die Scherbacher Familie Weber Ewald Erb (1903-1978) und dessen Bruder Otto Land zum Bau eines Hauses verkauft, in dem die Erbs laut eigener Aussage "den Nationalsozialismus überwintern wollten". Denn Ewald Erb war politisch kein unbeschriebenes Blatt. Als Vorsitzender der sozialistischen Studentenschaft hatte er an den Universitäten Bonn und Köln nicht nur Geisteswissenschaften studiert, sondern auch Politik gegen Hitler betrieben.

1933 flog er als Linker von der Universität, woraufhin er sich mit dem Schreiben volkskundlicher Aufsätze durchs Leben schlug. Als die politische Lage brisanter wurde, suchte er eine sichere Bleibe für sich und Frau Elisabeth, die er 1937 in Scherbach fand. Mit dem von Vater Paulus Erb ausgezahlten Erbteil kaufte er das Land, auf dem er für sich und Bruder Otto ein Haus bauen ließ.

Noch im Jahr des Einzugs verkaufte der Bruder seinen Anteil an Ewald und zog nach Köln. Ewald und Elisabeth Erb blieben in Scherbach und bekamen drei Töchter: Elke (1938), Gisela (Januar 1940) und Ute (Dezember 1940). Die Mutter arbeitete in der Landwirtschaft, Vater Ewald Erb beim Finanzamt in Rheinbach. 1941 erfolgte die Einberufung an die Westfront.

Zu jener Zeit hatte sich im Volksmund bereits der Begriff "Kommunistenhaus" durchgesetzt. Grund war die atheistische Haltung des Ehepaares Erb, die als einzige gegen die Einrichtung einer geplanten katholischen Bekenntnisschule stimmten, nie die Kirche besuchten und darüber hinaus den NS-Widerstandskämpfer Joseph Schölmerich in ihrem Haus empfingen. Doch war im kleinen Scherbach der Zusammenhalt zu groß, als dass die im Umland als "Heidenfamilie" bezeichneten Erbs zu Außenseitern hätten werden können.

Anfang 1947 kehrte Ewald Erb Arbeit suchend nach Scherbach zurück. Und zwei Jahre später endete für Elke, Ute und Gisela die glückliche Kinderzeit auf dem Lande: die Familie zog nach Halle, wo der Vater eine Assistenzstelle an der Universität angenommen hatte. Das Haus in Scherbach ging 1950 an einen kommunistischen Wohlfahrtsverband und, mit dem Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1956, an das Land Nordrhein-Westfalen über. Heute befindet es sich in Privatbesitz.

Der Versuch einer literarischen Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte, dem als sehr schmerzhaft empfundenen Wegzug von Scherbach und ihrer Flucht in den Westen ist der 1960 erschienene autobiografische Roman "Die Kette an deinem Hals" von Ute Erb.