Roboter holt Hochexplosives aus Uni-Gebäude

55 Liter Chemikalien ergaben gefährliche Mischung - Spezialisten des Bundesgrenzschutzes bargen Fass aus dem Keller der Bonner Uni

Bonn. Der Kampfmittelräumdienst winkte dankend ab, als die Untere Wasserbehörde der Stadt Bonn Montagnachmittag um Hilfe bei der Entsorgung von 55 Litern mutmaßlichen Acetonperoxyds bat. Denn mit herkömmlicher Munition hatte das wenig zu tun, was im Keller des Universitätsinstituts für Bodenkunde an der Nußallee 11-13 lag. Über das BKA nahm die Feuerwehr Kontakt zu Spezialisten des Bundesgrenzschutzes (BGS) in Hangelar auf, die mit einem ferngesteuerten Roboter dem brisanten blauen Kanister zu Leibe rückten.

Vermutlich aus Unwissen oder Arglosigkeit war eine Mischung aus hochkonzentriertem Wasserstoffperoxyd, Acetonitril und Aceton angerührt worden, die sich zu Acetonperoxyd verbinden kann, das in fester Form die gewaltigen Eigenschaften von Nitroglycerin entwickelt, sowohl in der Zerstörungskraft als auch in der Empfindlichkeit. Als den Chemikern dämmerte, was sie da zusammengebraut hatten, alarmierten sie die Behörden.

40 Mann der Berufsfeuerwehr rückten um 16.40 Uhr mit den verschiedensten Fahrzeugen aus, darunter ein Rettungswagen, ein Löschzug und der Spezialzug "Gefährliche Stoffe und Güter" aus Bad Godesberg. Die Männer erwartete ein kitzeliger Auftrag. Wie Einsatzleiter Josef Schaaf ausführte, reagiert die Mischung auf Wärme, Reibung und Stöße. Und dann explodiere sie nicht einfach, sondern detoniere, mit einer Geschwindigkeit von 5 300 Metern pro Sekunde.

In Verbindung mit Wasser büßt Acetonperoxyd seine Gefährlichkeit allerdings ein, so dass es für die Rettungskräfte galt, das blaue Fass möglichst sanft aus dem Haus ins Freie zu schaffen und zu fluten.

Das war im wesentlichen Aufgabe des Hangelarer Entschärfers und seines Roboters. Das ferngesteuerte Kettenfahrzeug ist zwar kaum größer als ein großer Hund, verfügt aber über eine Videokamera und einen sensiblen Greifarm und ist ausgesprochen wendig. Nachdem die Feuerwehrleute das Areal vor dem Haus in dem auf 80 Meter evakuierten Viertel mit Planen ausgelegt hatten, machte sich die orangefarbene Raupe auf den Weg in den Keller.

Kurz vor 20 Uhr gab der Feuerwehrchef zum ersten Mal Entwarnung, als er mitteilte, das Fass sei im Freien. Nachdem das Gelände unter Wasser gesetzt worden war, öffneten BGS-Leute das Fass unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wie das ging, blieb ihr Geheimnis, immerhin gab es einen deutlichen Knall.

Schaaf tauchte dann den schwimmenden Kanister ein und verdünnte dessen Inhalt gründlich. "Dabei stand mir der Schweiß auf der Stirn", räumte er später freimütig ein. Auch sei er nicht versucht gewesen, sich durch einen Blick ins Fass davon zu überzeugen, welche Konsistenz die Chemikalie tatsächlich habe.

So wird es ein Geheimnis bleiben, welche Gefahr der Nußallee tatsächlich drohte. Über die Auswirkung einer Detonation mochte Schaaf nicht allzusehr spekulieren. Im Freien hätte der Explosionsdruck nur wenig Widerstand gefunden, vermutlich aber doch die Fensterscheiben im abgesperrten Areal zerborsten. Bei einer Explosion im Keller aber "können Sie sich gerne die ein oder andere Hauswand hier wegdenken," so Schaaf.

Das hinreichend verdünnte Gemisch wurde schließlich kontrolliert über die Kanalisation entsorgt. Die Universität konnte Montagabend noch keine umfassende Stellungnahme abgeben. Der Abteilungsleiter Sicherheit/Umweltschutz, Dietrich Reichard, machte zunächst menschliches Versagen als Ursache geltend und stellte für Dienstag weitere Informationen in Aussicht.