Ostern: Die Glocken fliegen nach Rom

In Oberdrees pflegen die Klapperkinder eine alte Tradition - Das Ratschen weckt die Menschen und sagt ihnen den Feierabend an

Rheinbach-Oberdrees. An Gründonnerstag verstummten in den Gottesdiensten die Orgeln. Auch die Glocken wurden in Erinnerung an das Leiden und den Tod Jesu als Zeichen der Trauer nicht mehr geläutet.

"Die Glocken fliegen nach Rom. Dort werden sie vom Papst gesegnet", wurde den Kindern in früheren Zeiten erzählt. Auch an Karfreitag und Karsamstag schweigen die Glocken, in der Osternacht erst erklingen sie im triumphalen Fest-Geläut zur Erinnerung an Jesu Auferstehung.

Wenn die Glocken schwiegen, fehlte den Menschen früher eine wichtige Orientierung, denn das Glockengeläut spielte eine wesentlich größere Rolle als heute. Es rief nicht nur zu den Gottesdiensten, sondern erinnerte auch an die Gebete zu bestimmten Tageszeiten, an die Mittagszeit und auch an den Feierabend. Diese Aufgaben des Glockengeläutes übernahmen deshalb an den Kartagen zunächst die Messdiener mit Holzklappern, Rasseln, Ratschen oder so genannten Butterfässern, je nach Region.

Dieses Karklappern, andernorts auch "Osterratschen" genannt, ist heute nur noch in ganz wenigen Gemeinden erhalten geblieben. Besonders lebendig ist der Brauch in Oberdrees. Nicht weniger als 64 Kinder vom Kleinkind bis zum Jugendlichen trafen sich am Abend des Gründonnerstags teils in Begleitung der Eltern zum ersten Klappern auf dem Dorfplatz, an Karfreitag wurden es sogar mehr als 80 Kinder.

Ihr selbst gebasteltes Klapper-Instrument besteht traditionell aus einem Brett mit einem beweglichen Holzhämmerchen, das - an einem Griff fest gehalten - durch Auf- und Ab-Bewegungen rhythmisch auf das Brett geschlagen wird.

Pia Bretschneider, vier Jahre, und ihr Bruder Kim, sieben Jahre, haben ihre vom Papa gewerkelten Klappern durch ebenso phantasievolle wie lustige Malerei eine individuelle Note verliehen. Auf Kims Hämmerchen prangt zum Beispiel ein Ei, das sich auf dem Brett unter dem Hämmerchen in ein Spiegelei verwandelt hat.

"Tack, tack, tacktacktack! Tack, tack, tacktacktack!", klingt es bis Karsamstag jeweils morgens um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr in den Oberdreeser Straßen. Früher wurden zu jeder Tageszeit passende Verse gerufen, an einen erinnert sich noch Günter Schwark: "Änn-Marie opp stonn, aantrecke onn en de Kirch jonn!" (Anna-Maria, aufstehen, anziehen und in die Kirche gehen).

In Ramershoven, wo bis zum vergangenen Jahr auch noch geklappert wurde, lauteten die Verse am frühen Morgen "Morjensjlock, Morjensjlock, wer noch schlööf öss ene Schloofskopp!" Um 12 Uhr riefen sie dann mit "Medaach! Medaach!" die Mittagszeit aus, am Nachmittag wurden die Gläubigen mit "Ze Hoof! Ze Hoof!" (Versammelt euch!) zum Kirchgang gerufen, und um 18 Uhr ersetzten die Klapper-Kinder mit ihrem Ruf "Ovendjlock! Ovendjlock!" wieder die Abendglocken.

In Oberdrees wird in mehreren Gruppen nach einem seit Generationen ausgeklügelten System in jeder Straße und jeder noch so kleinen Sackgasse geklappert. Dabei merken Anfänger schnell, dass das Klappern nicht nur den vergnüglichen Nebeneffekt hat, Langschläfern die Nacht zu verkürzen.

Vielfach zeigen sich schon am zweiten Tag schmerzhafte Blasen an den Handinnenflächen. Erfahrene Experten tragen deshalb Handschuhe oder streifen sich den Ärmel ihrer Jacken zum Schutz über die Hand. Als Trostpflaster, insbesondere aber als Anerkennung und Dank für das Klappern, schenken die Oberdreeser den Klapperkindern Süßigkeiten und Geld.

Verteilt werden sie entsprechend der Zahl der Gänge, die ein Kind mitgemacht hat, über die Elisabeth Schwark genau Buch führt, und das seit Jahren.