Mutige Godesberger riskieren Kopf und Kragen

Vor genau 60 Jahren marschieren die Amerikaner in Bad Godesberg ein - Richard Schimpf, Heinrich Ditz, Otto Kessel und Paul Pies bewahren Godesberg vor dem Untergang

Bad Godesberg. Das Kriegsende am 8. März des Jahres 1945 hätte fast den Untergang für die Stadt Bad Godesberg gebracht. Deutsche und amerikanische Dokumentationen halten die dramatischen Ereignisse dieses Tages fest. Seit dem 6. März war bekannt, dass Bad Godesberg wie Bonn bis zum letzten Mann verteidigt werden sollte.

Bad Godesberg wurde durch eine kleine Gruppe entschlossener Bürger gerettet. Der nationalsozialistische Bürgermeister Heinrich Alef hatte die Stadt schon am 6. März verlassen, "nicht aus Feigheit, sondern aus Selbsterhaltungstrieb", wie er dem Ersten Beigeordneten und Stadtrat Heinrich Ditz telefonisch mitgeteilt hatte, ehe er mit dem Auto über die Fähre nach Königswinter floh.

Die Amtsgeschäfte hatte er Ditz formlos übergeben, nachdem dieser erklärt hatte, Bad Godesberg auf keinen Fall zu verlassen. In der Stadt herrschte große Erregung. Die feindliche Propaganda riet der Bevölkerung durch den Rundfunk, weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen, als Zeichen, dass aus den Häusern kein Widerstand geleistet werde. Die Godesberger flüchteten in die Bunker. Insbesondere der Tunnel unter dem Godesberg galt als sicherer Schutzraum.

Schon waren die Amerikaner nahe vor Bad Godesberg. Am 7. März gegen 17 Uhr erhielt Ditz telefonisch die Nachricht, amerikanische Truppen marschierten durch Berkum Richtung Mehlem. Gegen 19.30 Uhr wurden die Försterei Venne und das Gut Annaberg besetzt. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages erreichten die Spitzen der amerikanischen Truppen die Kinderheime Godesheim und Godeshöhe.

Um die gleiche Zeit erhielt der Kommandeur Generalleutnant Richard Schimpf, der seinen Divisionsgefechtstand im Keller des Rheinhotels Dreesen eingerichtet hatte, (in den oberen Etagen hatten Diplomaten vieler Länder Zuflucht gefunden) noch einmal den Befehl, Bad Godesberg bis zum letzten Mann zu verteidigen. Bei Befehlsverweigerung oder Übergang auf die andere Rheinseite drohten Militärgericht und Tod.

Schimpf aber hatte zur Verteidigung nur noch 6 000 Mann und war sich der völligen Aussichtslosigkeit angesichts der amerikanischen Übermacht bewusst. Die Amerikaner verlangten kampflose Übergabe und drohten anderen Falles mit vernichtendem Artillerieangriff und neuen Bombengeschwadern.

Schimpf fasste nach einer dramatischen Szene mit einem NS-Führungsoffizier, der mit gezogener Waffe die letzte Verteidigung von Bad Godesberg erzwingen wollte, "den schwersten Entschluss seines Leben" und stellte es den Soldaten frei, sich auf das rechte Rheinufer zu retten oder in Gefangenschaft zu gehen.

Am 8. März morgens um 6.15 Uhr traf der katholischer Priester Hermann Josef Drießen, der die Messe im Kinderheim Godeshöhe lesen wollte, auf der Waldburgstraße noch deutsche Posten, auf der Waldstraße schon amerikanische Soldaten.

Um 7.05 Uhr meldet sich der amerikanische Kampfkommandant beim Leiter der Schutzpolizei Major Marbach und fordert die Übergabe der Stadt binnen einer Viertelstunde. Marbach gibt an Ditz weiter, der seinerseits mit Schimpf in Verbindung tritt. Er erfährt, dass kein Widerstand mehr zu erwarten sei. Freiwillig begleitet von Kriminalobersekretär Otto Kessel, der ein Tischtuch an einen Besenstiel genagelt hatte als Zeichen der Gewaltlosigkeit, und Annemarie Steeg als Dolmetscherin, begab sich Ditz zum Godesheim.

Kessel saß auf einem Kotflügel des Wagens, ein Amerikaner mit Maschinenpistole auf dem anderen. Sie hielten sich in einer grotesken Verbrüderung aneinander fest, um nicht herunterzufallen. Ein amerikanischer Oberst nahm die Übergabe der Stadt Bad Godesberg entgegen. Ditz und Kessel und auch der Arzt Paul Pies haben, so bestätigt die Dolmetscherin Annemarie Steeg, damals "Kopf und Kragen gewagt".

Der Schweizer Generalkonsul Francois Rodolphe von Weiss, der tags zuvor das Konsulat nach Bad Godesberg verlegt hatte, trug vermittelnd zum Ablauf der Verhandlungen bei. Die Rettung der Stadt ist ausführlich dargestellt worden von dem Stadtarchivar Dietrich Jung und veröffentlicht worden in den Godesberger Heimatblättern. Eine Inschrift am Rathaus erinnert an die Rettung von Bad Godesberg durch die Bürgerinitiative.