Rheinischer Dialekt

Mundart: Eine Frage des Gefühls

BONN. Die GA-Serie zum rheinischen Dialekt startet mit der Suche nach den schönsten und klangvollsten Begriffen.

Die rheinische Mottersproch (Muttersprache) ist von zart widersprüchlichem Wesen. Einerseits gehört sie auf die rote Liste der aussterbenden Arten, andererseits hat sie dank des kölschen Liedgutes eine beispiellose Karriere hingelegt. Selbst auf Almhütten singen Sachsen und Bajuwaren schunkelnd: "Do simmer dabei" und "Mer losse d'r Dom en Kölle".

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der rheinische Dialekt mehr und mehr aus dem Alltag verschwindet. Zwar war es in Köln selbst nie ehrenrührig, in breitem Platt zu sprechen, im Umland galt das rheinische Idiom aber nicht gerade als Beleg für feine Manieren.

Das mag der Grund dafür sein, dass sich der Dialekt inzwischen in seine Refugien zurückgezogen hat. Etwa in die Kneipe und auf die Dorffeste, überall dorthin, wo Menschen auf Augenhöhe zusammenkommen.

Freilich gibt es längst eine Gegenbewegung zur Rettung der Heimatsprache. Musiker wie Bap, Brings, Bläck Fööss und Jächt Köster haben sich auf musikalischem Feld hohe Verdienste erworben. Und Konrad Beikircher, Jupp Muhr, die Kölsch-Akademie, auch zahlreiche Lehrer haben das Thema rheinische Mundart wieder zum zeitgemäßen Lehr- und Lernstoff gemacht.

Neuerdings interessieren sich wieder mehr Menschen dafür, wie früher auf der Straße gesprochen wurde. Es gibt Internetseiten, Seminare und Vorträge. Vielleicht, weil der eigene heimatliche Dialekt angesichts von Globalisierung und Reizüberflutung ein bisschen Nestwärme vermittelt, etwas Heimatgefühl und menschliche Verbundenheit.

Und, weil mancher rheinische Gemütszustand einfach nicht adäquat im Hochdeutschen ausgedrückt werden kann. Professionell mit der Analyse und Sicherung des Kölschen, Bönnschen und Rheinischen befassen sich die Sprachforscher Georg Cornelissen und Peter Honnen vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte beim LVR (Landschaftsverband Rheinland).

Sie forschen zwischen Zyfflich (Kreis Kleve) und Mehlem, zwischen Aachen und Radevormwald. Und sie sind schon lange dabei. Seit mehr als drei Jahrzehnten sammeln, sortieren und untersuchen sie die typisch rheinischen Begrifflichkeiten. Sie können aus dem Stegreif viele spannende Geschichten über Herkunft und Bedeutung der Mundartausdrücke erzählen.

Etwa darüber, dass viele Dialektbegriffe von Dorf zu Dorf unterschiedlich ausgesprochen werden. Nehmen wir zum Beispiel das rheinische Nationalgericht Kesselkuchen aus geriebenen Kartoffeln und Mettwürstchen. Am häufigsten ist bei uns dafür der Begriff Kesselskooche.

Es gibt dafür aber auch das Wort Döppekooche. In Bad Godesberg und Wachtberg sagt man überwiegend Knüles. Dagegen ist im Norden eher Knall oder Knällche und Puttes verbreitet.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wort für Kartoffel. Da haben die Dialektforscher eine klare Sprachgrenze ausgemacht. Die trennt die ripuarische Mundart von der moselfränkischen.

Die Trennung verläuft zwischen Rheinbach und Ahrweiler. Nördlich nennt man den Erdapfel abgekürzt Erpel. Südlich heißt jenes Nachschattengewächs dann Grumper oder Jromper. Ins Hochdeutsche übersetzt ist das die Grundbirne. Und es existiert noch ein drittes Sprachgebiet. Rechtsrheinisch in Höhe der Stadt Linz ist der Begriff Toffel oder Ketoffel gebräuchlich.

Jedes einzelne mundartliche Wort birgt eine lange und spannende Bedeutungsgeschichte in sich, die viel über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse vergangener Tage aussagt. Und weil das Rheinische als gesprochene Sprache gilt, war sie in den vergangenen Jahrhunderten einem schnelleren Wandel unterzogen, als das schriftlich fixierte Hochdeutsch.

Um mehr von den Geheimnissen der Mundart zu erfahren, startet der General-Anzeiger heute seine Serie "Sprechen Sie Rheinisch?!" Darin erläutern die Sprachwissenschaftler des LVR ihre Erkenntnisse, und erklären Ursprung und bedeutung einzelner Worte aus dem traditionsreichen rheinischen Sprachschatzes. Sie schreiben über die Geheimsprache der Gauner, die Begriffe wie stekum und Kohldampf geprägt haben.

Aber auch über Spuren des Jiddischen. Die Nerother Mausefallenkrämer, werden ebenso zur Sprache kommen wie der Ursprung des "Pips", der die Erkältung verniedlicht. Besondere Wertschätzung genießen bei den einheimischen "Nativespeakern" übrigens vor allem Begriffe deren Gegenstand durch den Magen gehen. Dazu gehören etwa die Öllech, eine Art Gemüsezwiebel, die Spruute, eine Variante für den Rosenkohl, und der Schawue, den lecker püriert durchkochten Wirsing.