Vorwürfe gegen Pfarrer

Missbrauchsfall spaltet Eudenbach

Die Gläubigen der katholischen Kirche in Eudenbach befinden sich derzeit in einer schwierigen Situation.

EUDENBACH. Gut elf Wochen ist es her, seit für viele Eudenbacher eine Welt zusammenbrach. Am zweiten Advent verkündete der leitende Pfarrer Udo Maria Schiffers in der Messe, dass es in der Gemeinde Sankt Mariä Himmelfahrt zwischen 1981 und 1993 einen Fall von sexuellem Missbrauch durch den 1996 verstorbenen Pfarrer Joseph Weyler gegeben habe. Der Umgang mit der Nachricht, die Verarbeitung des Geschehenen, spaltet die Menschen im Oberhau bis heute.

Die ganze Zerrissenheit wurde beim Besuch des Kölner Weihbischofs Heiner Koch vor einer Woche deutlich. Bei der routinemäßigen Visitation, an der Mitglieder des Kirchenvorstands, des Pfarrgemeinderates und der kirchlichen Gruppierungen teilnahmen, brachte die katholische Frauengemeinschaft (kfd) ihre Zweifel an der Wahrheit der Geschichte zum Ausdruck. Die kfd wurde 1984 von jenem Joseph Weyler gegründet.

"Wir waren alle schrecklich berührt. Wir glauben nicht, dass Pfarrer Weyler ein Täter war", sagt kfd-Sprecherin Angelika Schumacher. Unter den vier Vorstandsmitgliedern und den elf Helferinnen in der kfd sei man sich da einig. Schumacher hat Weyler erlebt, als er ihren krebskranken Mann mehrere Jahre lang seelsorgerisch begleitete.

Große Belastung für das Opfer

Der Fall ist eine große Belastung für das Opfer, das sich in therapeutischer Behandlung befindet und dessen Identität unbedingt geschützt werden soll. Betroffen sind aber auch die Familienmitglieder des beschuldigten Pfarrers, die mit dieser Hinterlassenschaft ebenfalls eine schwere Bürde zu tragen haben. Hätte es nicht "einen unglücklichen Zufall", wie Schiffers sich ausdrückte, gegeben, wäre die Geschichte wohl nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Auch das Opfer wollte keine Öffentlichkeit, erklärte sich aber einverstanden, als sich die Situation in kürzester Zeit zuspitzte. Einige Personen hatten Kenntnis von dem Missbrauchsfall erhalten.

Wie der General-Anzeiger erfuhr, war die betroffene Person einer Einladung für Missbrauchsopfer während des Deutschland-Besuches von Papst Benedikt XVI. im September 2011 gefolgt und dabei im Fernsehen von einem Eudenbacher erkannt worden. Anschließend ging ein Antrag bei Bürgermeister Peter Wirtz ein, ein Straßenschild, das den Namen des Pfarrers trug, zu entfernen. Auch der Eudenbacher Bürgerverein schlug eine Umbenennung vor. Der Stadtrat beschloss schließlich, das Schild hinter dem Friedhof ersatzlos zu beseitigen.

Verbitterung und Unverständnis

Eckehart Klaebe vom Pfarrgemeinderat hätte den Eudenbacher Katholiken gerne die Möglichkeit gegeben, das Thema im Rahmen einer allgemeinen Informationsveranstaltung zum Thema Missbrauch im Frühjahr aufzuarbeiten. Diese Planungen will er nach dem Besuch des Weihbischofs nun aber aufgeben. "Ich habe gemerkt, dass die Verbitterung und das Unverständnis über die Veröffentlichung bei einigen Menschen in Eudenbach sehr groß sind", sagt er.

Eine solche Veranstaltung würde daher zu großen Konflikten in der Gemeinde führen. Auch Schiffers, der sich im Dezember für die Veröffentlichung entschieden hatte, ist dadurch in Eudenbach erheblich unter Druck geraten. Der leitende Pfarrer betonte damals, dass für ihn Zweifel an der Wahrheit durch seine Teilnahme an der Therapie des Missbrauchsopfers ausgeschlossen seien. Inzwischen will er sich zu dem Thema nicht mehr äußern. Nur so viel: Der Schutz des Opfers sei ihm unverändert ein ganz besonderes Anliegen.

Zweifel an Glaubwürdigkeit

Dagegen spricht Angelika Schumacher, 62 Jahre alt und seit fünf Jahren im Vorstand der kfd, vom "angeblichen Opfer" und davon, wo Missbrauch anfangen und wo er aufhören würde. Da das "angebliche" Opfer nicht an die Öffentlichkeit gehen wolle, könne man nicht über dessen Glaubwürdigkeit, sondern nur über die persönlichen Erfahrungen mit Pfarrer Weyler urteilen.

Ihre Zweifel sieht sie auch dadurch bestätigt, dass sich keine weiteren Opfer gemeldet hätten. Dabei habe Weyler Kontakt zu unzähligen Kommunionkindern und Messdienern gehabt. Dass es sich tatsächlich um einen Einzelfall handelt, ist jedoch nicht erwiesen. Das Erzbistum gibt keine Auskunft darüber, ob sich bei seinen Ansprechpartnern für Missbrauchsopfer jemand meldet und begründet dies mit dem Schutz der Betroffenen.

Die Eudenbacher Katholiken befinden sich in einer schwierigen Phase der Aufarbeitung. Und im Sommer feiert die Kirchengemeinde Sankt Mariä Himmelfahrt ihr 100-jähriges Bestehen. Zurzeit sieht dort kaum jemand einen echten Anlass zum Feiern.