GA-Interview

Markus Schnapka: "Das geht uns alle an"

Wie umfasssend das Thema Inklusion ist, werde oft unterschätzt, sagt Markus Schnapka.

Region. Inklusion soll dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung nicht länger in einer Parallelgesellschaft leben. Doch wo ist der Unterschied zur Integration und wo hakt es bei der Umsetzung? Das hat der Beigeordnete der Stadt Bornheim, Markus Schnapka (61), im Gespräch mit Ulrike Sinzel erläutert.

Wie ist es um die Inklusion in Bornheim bestellt?

Markus Schnapka: Wir haben in unserer Stadt eine aufmüpfige, selbstbewusste Elternschaft, die konsequent Inklusion einfordert. Stadtrat, Bürgermeister und die Verwaltung haben sich daraufhin mit dieser Entwicklung identifiziert. Auch die jährliche Bornheimer Bildungs-Zukunftswerkstatt hat das Thema aufgenommen und die Grundzüge für einen Bornheimer Aktionsplan entworfen, der jetzt angegangen wird.

Was ist der Unterschied zwischen Inklusion und Integration?

Schnapka: Im Gegensatz zur Integration, in der Defizite der Einzelnen so kompensiert werden sollen, dass ein Leben mit Behinderung in der Gemeinschaft möglich ist, verfolgt die Inklusion ein anderes Ziel. Inklusion bedeutet, dass wir die Systeme so aufstellen, dass sie von den Menschen mit all ihren Besonderheiten genutzt werden können. Beides geht ineinander über - eine scharfe Abgrenzung wäre künstlich.

Wo in Bornheim gibt es heute schon inklusive Angebote?

Schnapka: Wir gehen Inklusion zunächst in vier Sektoren an: In Kindergärten, Schulen, VHS und Freizeitangeboten. Es gibt hier drei Kindergärten mit speziellen Angeboten sowie Einzelintegration in mehreren Einrichtungen - das ist natürlich noch viel zu wenig. In den Grundschulen in Hersel und Sechtem gibt es jeweils Klassen, in denen auch Kinder mit Behinderungen lernen, die Europaschule hat seit diesem Schuljahr erstmals in zwei Jahrgängen jeweils eine integrative Klasse. Einzelne Kinder mit Behinderung gehen auch in die Martinusschule und in die Franziskusschule in Merten. Dort startet dann in diesem Sommer die Sekundarschule mit gleich zwei Inklusions-Klassen im ersten Jahrgang. Als einziges Kompetenzzentrum im Rhein-Sieg-Kreis haben wir unsere Verbundschule in Uedorf, die Regelschulen im Umgang mit Behinderungen fit macht, so dass weniger Schüler in Förderschulen gehen müssen.

Was bedeutet es, ein inklusives Angebot einzurichten?

Schnapka: Die Änderungen lassen keinen Zipfel der Gesellschaft unberührt. Inklusion geht uns alle etwas an. Inklusive Klassen und Gruppen müssen klein sein, damit wir mehr auf die einzelnen Persönlichkeiten eingehen können, wovon alle profitieren. Die Europaschule hat sich zwei Jahre lang gewissenhaft vorbereitet, bevor sie die erste inklusive Klasse angeboten hat. Bei der Sekundarschule haben wir nicht so viel Zeit, die startet direkt mit zwei integrativen Klassen. Und es ist wegen des Lehrermangels schwierig, die zusätzlich zugewiesenen Lehrstellen tatsächlich zu besetzen.

Was muss man, zum Beispiel in einer Schule, konkret alles regeln, um Kindern mit Behinderung die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen?

Schnapka: Man braucht Lehrer mit entsprechenden Qualifikationen, Lehr- und Lernpläne müssen angepasst werden, das Pausenverhalten und Klassenausflüge ändern sich, natürlich auch Räume und Ausstattung. Auch die Schulgemeinschaft muss sich dem Prozess stellen: Inwieweit wird Inklusion bei Schülervertretung, Schulpflegschaft, bei der Besetzung von Stellen berücksichtigt?

Welche Probleme tauchen auf, wenn man sich für Inklusion einsetzt?

Schnapka: Zunächst einmal schrecken viele davor zurück, wenn sie erkennen, wie umfassend das ist. Weil es noch keine klare nationale Gesetzgebung gibt, bleibt vieles wolkig und theoretisch. Ein weiteres Problem ist, dass ausgerechnet der Landschaftsverband Rheinland (LVR) seine Mittel für Integration zurückfährt, mit der Begründung, es gebe ja jetzt die Inklusion.

Da werden die Kosten für die Verpflegung reduziert, Zuschüsse an kommunale Träger pauschalisiert, die dann Einbußen haben. Auch eine Einschränkung der Leitungsfreistellung ist angekündigt, was für manche Kindergärten bedeuten kann, dass sie weniger Personal haben. Selbst Motopäden sollen nicht mehr unterstützt werden, dabei ist deren bewegungstherapeutische und gleichzeitig pädagogische Ausbildung ideal für die inklusive Arbeit.

Wir brauchen aber jetzt kein Streichszenario, sondern alle Ressourcen, die für Integration da sind, um Inklusion zu stemmen. Trotz Nothaushalt haben wir uns in Bornheim auf einen Weg gemacht. Wir hoffen auch darauf, dass Bund und Land das Ihre dazu tun und entsprechende Gesetze auf den Weg bringen. Entscheidend ist, dass wir alle uns innerlich dem Anders-Sein mit Respekt öffnen und es nicht auf Spezialisten abschieben. Das kann mehr bewegen als manche "behindertengerechte" Aufzugsanlage.