Kreativschmiede über dem Pferdestall

Die Familie Streve-Muelhens schafft im Herzen Königswinters 5 000 Quadratmeter zum Wohnen und Arbeiten - In einem Jahr können die Mieter einziehen - Der Park erhält seinen Urzustand zurück

Königswinter. "Man blickte in die grüne Wirrnis von Stämmen, Zweigen und Laub, bis man die merkwürdige spitze Silhouette des Herrensitzes erkannte und, sehr weit im Hintergrund, am Rande einer großen Lichtung, den grauen Fleck des Tennisplatzes". Mit diesen Worten beschreibt der Schriftsteller Giorgio Bassani die "Gärten der Finzi-Contini" in seinem gleichnamigen Roman.

Ganz ähnlich wären seine Aufzeichnungen wohl ausgefallen, lägen die Wurzeln seines Meisterwerks nicht im italienischen Ferrara, sondern im Wintermühlenhof am Fuße des Petersberges. Dort wird die gediegene Idylle jetzt allerdings eine zumindest einjährige Pause einlegen müssen: Für die nächsten Tage rechnet die Eigentümerfamilie Streve-Muelhens mit der Baugenehmigung für eine der größten Privatinvestitionen in Königswinter seit dem Krieg. In zwölf Monaten soll der Wintermühlenhof vollständig umgebaut sein; danach bietet er dann mehr als 100 Menschen Platz zum Wohnen und Arbeiten.

"Uns geht es darum, das Anwesen nicht nur zu erhalten, sondern auch mit Leben zu füllen und dabei die Tradition mit der Zukunft zu verbinden", bringt Dieter Streve-Muelhens jun. die Intention der Eigentümer auf den Punkt. Was genau er mit der Tradition meint, wird bei einem Rundgang über das Gelände deutlich.

In den bereits bestehenden Büroräumen wird eifrig gearbeitet, ein Stockwerk tiefer versorgen Reiter ihre Pferde. Gewächshäuser und Nutzflächen zeugen vom regen landwirtschaftlichen Betrieb früherer Tage. Und der verwunschene Oberpark lässt durchaus erahnen, wie man sich um 1900 standesgemäß zu erholen wusste.

Nun steht mithin der Brückenbau zwischen den Jahrhunderten bevor. Und das heißt für Streve-Muelhens auch, wie seit dem 15. Jahrhundert auch künftig Pferden einen festen Platz zu geben. Entsprechend willkommen sind auf dem Wintermühlenhof somit auch Mieter mit Pferden, die ihre Tiere dann in ihrer unmittelbaren Nähe halten könnten. "Leben und Arbeiten im Gutshof", so der Wahlspruch, den die Familie dem Projekt gegeben hat.

Das Ergebnis sollen in rund einem Jahr Wohnflächen einer Größe von insgesamt etwa 2 500 und Büroflächen von 2 800 Quadratmetern sein. Auf diese Weise soll die stattliche Anlage im Kern des Königswinterer Stadtgebietes dann auch wieder als fester Bestandteil der Stadt ins Bewusstsein ihrer Bürger zurückkehren. "Unser Ziel ist ein lebendiger und dennoch ruhiger und würdiger Wintermühlenhof, der sich als harmonisches Gesamtbild im ursprünglichen Glanz zeigt", sagt Dieter Streve-Muelhens.

Bulle springt in den Rhein

Von dem Königswinterer Gut aus führt er heute seinerseits selbst die Familiengeschäfte, lässt dabei aber die Geschichte nicht aus den Augen. Alte Schwarz-Weiss-Fotos belegen die einstige Existenz von Ackerpferden, Rindern und Schweinen sowie Misthaufen und Jauchegruben. Unvergessen bleibt auch die Anekdote von dem Zuchtbullen, der einst über den Zaun ausbüchste und auf seiner Flucht schließlich in den Rhein sprang.

Als Architekt steht den Eigentümern Michael Deisenroth zur Seite. Aus langjährigen Geschäftskontakten hat sich zwischen Streve-Muelhens und dem Hennefer inzwischen eine Freundschaft entwickelt, die die Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit legt. So hat sich Deisenroth zuletzt beim Umbau der Talstation der Drachenfelsbahn in den Tourismusbahnhof bewährt. Spätestens das aufwändige Genehmigungsverfahren - "ein Marathonlauf", sagt Deisenroth - hat die Beteiligten nunmehr noch enger zusammengeschweißt.

Dabei liegt eine Besonderheit gewiss in dem Umstand, dass der Wintermühlenhof als Gesamtdenkmal firmiert und sich die geltenden Bestimmungen somit auf nahezu jedes Detail beziehen. "Gut und gerne ein Drittel der Gesamtkosten entstehen aus Restaurierungsarbeiten", sagt Deisenroth. Ein weiteres Drittel wird sich aus Maßnahmen für den Brandschutz rekrutieren.

Stück für Stück will Deisenroth nun die vierflügelige Parkanlage in jeweils 15 Wohn- und Büroeinheiten unterschiedlicher Größe umbauen, wobei die Charakteristik einer jeden baulichen Epoche sichtbar erhalten bleibt und zugleich neuesten technischen und ökologischen Maßstäben genügen wird. Später soll außerhalb des Karrées ein neues Wirtschaftsgebäude aus Holz entstehen.

Park im Urzustand

Erst danach wird der Oberpark in Angriff genommen - ein Vorhaben für gut und gerne fünf Jahre. "Wir wollen den Park in seinen Urzustand zurückversetzen und dabei auch alte Sichtachsen wieder zur Geltung bringen", sagt Streve-Muelhens jun. Zu den Kleinodien im Park zählen klassizistische Bauten wie das Teehaus auf der einen oder der Tempel auf der anderen Seite des Teichs, den der Mirbesbach durchfließt.

Zu einem Wald geworden ist inzwischen auch der frühere Tennisplatz, umrankt schimmert darüber die Pergola durchs Blattwerk, die einst Schatten in den Spielpausen spendete. Geradezu geheimnisvoll muten die Berichte über die so genannte Bärenhöhle an, einer Art Grotte im Berg, die früher vom Teich aus zu erreichen war und, wenn auch fest vermauert, immer noch besteht.

Die Bronzeskulptur darin, ein germanischer Speerkämpfer, hat Dieter Streve-Muelhens sen. in seinen Kindheitserinnerungen noch vor Augen. Sie wurde im Krieg eingeschmolzen. Dass die Bewohner im Park flanieren, wünscht sich Streve-Muelhens ausdrücklich. Dazu passt, dass sich die geschäftliche Nutzung seiner Ansicht nach besonders für Mieter eignet, die in der ruhigen, inspirierenden Umgebung der Natur kreativ sein wollen - Freiberufler wie Fotografen, Werbekaufleute, Architekten, Medienleute oder Designer dürften sich hier also besonders wohlfühlen. Und wer weiß, vielleicht werden sie irgendwann auf dem Tennisplatz neben der Pergola wieder einige Bälle schlagen.

Informationen zum Umbauprojekt finden sich im Internet unter www.wintermuehlenhof.de sowie unter www.michaeldeisenroth.de.