GA-Serie "Rheinische Redensarten"

Kleene Kesselche hann jruße Uhre

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir mit Unterstützung von Dialektsachverständigen bedeutungstiefe Redewendungen.

Ein ganz wunderbares Sprachbild ist der Satz „Kleene Kesselche hann jruße Uhre“. Wer das übersetzen kann, versteht die Aussage sofort. Im Hochdeutschen heißt es wörtlich: „Kleine Kessel haben große Ohren.“ Die Situation kennt wohl jeder. Was war das als Kind interessant, den Erwachsenen zuzuhören. Besonders bei Gesprächen, die eigentlich nicht für die Ohren des Nachwuchses gedacht waren. Dann sprachen die Erwachsenen im Flüsterton, und die Ohren der Kinder wurden größer und größer.

„Das habe ich schon ewig nicht mehr gehört“, sagt Dialektsachverständiger Willi Baukhage. „Das sagte auch meine Oma immer, wenn wir Pänz den Gesprächen der Erwachsenen zuhörten.“

Josef Schwalb kann das Bild näher erläutern: „Kessel haben Henkel, und das sind die Ohren. Mit diesem Satz wurde verschlüsselt gesagt, dass die Kinder jetzt besser nicht zuhören sollten.“

Auch Mundartsprecherin Wilhelmine Schönenberg erinnert sich noch gut daran, dass sie diesen Satz oft gehört hat. „Unsere Mutter hat uns dann weggeschickt.“ Meistens wurde dann die Türe geschlossen, so dass der Sicht- und Hörkontakt unterbrochen waren.

Nun kann man die geschilderten Situationen besser verstehen, wenn man weiß, dass sich in früheren Tagen das Leben meistens in der großen Wohnküche abgespielt hat. Zwar gab es kleine Schlafzimmer im Obergeschoss, aber keine Kinderzimmer im heutigen Sinne. Familien, die gut ausgestattet waren, hatten ein Wohnzimmer für die Woche und eines für sonn- und feiertags. Tagsüber trafen sich aber alle Familienmitglieder in der Küche. Und da war Diskretion folglich ein hohes Gut.

Das bestätigen auch die Erinnerungen von Elisabeth Schleier. Sie meint, dass die Situation der allgemeinen Neugierde der Kinder Vorschub leistete: „Kleine Kinder hören und spinxen gerne, obwohl sie von dem Thema nichts wissen sollten.“ Aber wir wissen ja: Was verboten ist macht gerade Spaß.

Die Artikel zum rheinischen Dialekt entstehen in Zusammenarbeit mit dem Heimatfilmer Georg Divossen. Haben auch Sie einen Lieblingsspruch? Dann mailen Sie ihn uns an rheinisch@ga-bonn.de.